Menschen & Meinungen – Der König ist tot! Es lebe der König! – Uwe Käding
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Der König ist tot! Es lebe der König!

Uwe Käding

14.08.2007

Elvis Presley während eines Konzert im Jahr 1973. (AP Photo)
Elvis Presley während eines Konzert im Jahr 1973. (AP Photo)

Frankfurt/Main – Rock'n'Roll ist Geschichte, aber die Musik lebt – auch wenn ihr unbestrittener König am 16. August vor 30 Jahren tot im Badezimmer seines Hauses namens „Graceland“ aufgefunden wurde. Der aufgedunsene Körper des mit lächerlichen Trainingsanzügen und Schmalzkoteletten zu seiner eigenen Karikatur mutierten Elvis Presley, die peinlichen Erinnerungen an einen trotz allen Ruhms an Einsamkeit zerbrochenen Menschen sind vielleicht vergessen. Seine Stimme, sein Rhythmusgefühl, seine Bühnenpersönlichkeit sind es nicht.

Ohne Elvis wäre Popmusik keine globale Massenkultur geworden und trotz Beatles, Rolling Stones, Michael Jackson, Prince und vielen anderen herausragenden Blues-, Folk-, Jazz- und Rockmusikern auch nicht geblieben. Elvis war der Urknall eines Phänomens, er schaffte es, in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Rock'n'Roll mehr als nur Tanzmusik, nämlich eine Kunstform und ein Lebensgefühl zu machen.

Bevor er mit „Heartbreak Hotel“ 1956 seinen ersten Nummer-eins-Hit landete, war Rock'n'Roll trotz erfolgreicher Interpreten wie Bill Haley nicht mehr als eine Randerscheinung in einer quicklebendigen Blues-, Country- und Popszene. Haley war nicht mehr ganz jung; schwarze Künstler wie Chuck Berry, Fats Domino, Little Richard und andere hatten zwar Erfolg; aber nicht zuletzt wegen der in den USA damals weit verbreiteten rassistischen Einstellung in der weißen Mittelschicht hatten sie kaum eine Chance auf einen größeren Durchbruch. Auch Buddy Holly mit seiner dicken Hornbrille taugte den frustrierten heranwachsenden Mädchen und Jungen nicht unbedingt zur Kultfigur; der gutaussehende, ausgerechnet in Gospelmusik verwurzelte Elvis war es, der der lebenshungrigen Nachkriegsjugend zur Leitfigur wurde.

Presley hatte hart für seinen kommerziellen Durchbruch gearbeitet. Früh hatte das wegen seiner weichen Züge als Muttersöhnchen von Alterskameraden gepiesackte Einzelkind gelernt, dass es mit seiner Gesangsstimme Menschen in seinen Bann schlagen konnte. Bevor er im Juli 1954 einen Plattenvertrag bei Sam Phillips' Sun-Plattenfirma erhielt, hatte er mit seiner Band die Ochsentour über jede Kirmes in Memphis und Umgebung hinter sich und dabei seine erotische Bühnenshow ausgefeilt.

Im lasziven amerikanischen Süden nahm bei über 160 Konzerten allein 1955 niemand daran Anstoß – einer der vielen interessanten Widersprüche um Presley. Erst der als „liberal“ geltende Norden lief gegen seine eindeutig zweideutig kreisenden Hüften Sturm und sprach von „Sexhibitionismus“. 1956, als er zur damals größten Plattenfirma RCA wechselte und mit „Heartbreak Hotel“, „Don't Be Cruel“, „Hound Dog“ und „Love Me Tender“ 25 Wochen lang die Hitparade anführte, wurde er als „Jugendverderber“ bezichtigt.

Doch die Lawine, die Elvis losgetreten hatte, war mit Pressekampagnen gegen seine angebliche Obszönität nicht mehr zu stoppen. 1957 durfte er bei seinem dritten Auftritt in der „Ed Sullivan Show“ im Fernsehen nur von der Hüfte aufwärts gefilmt werden. Das System der Tugendwächter machte sich lächerlich und verlor so den Respekt. Elvis' Hüftschwünge wurden damit zur Keimzelle der Rebellion der 60er – und zu einem guten Teil noch vor Erfindung der Antibabypille auch des Babybooms der Nachkriegsära.

Zum Phänomen Elvis Presley gehört auch der technisch-kommerziell genau richtige Zeitpunkt seines Durchbruchs: Die Plattenindustrie hatte endgültig vom teuren Schellack auf das billigere Vinyl umgestellt und damit Platten auch für Taschengeldempfänger bezahlbar gemacht. Presleys Aufstieg war kometenhaft; allein im ersten Jahr bei RCA wurden zehn Millionen Elvis-Platten verkauft.

„Ohne Elvis hätte es keiner geschafft“

Von Kritikern wurde Presley, der keinen seiner Hits allein komponierte, zum Teil hart verrissen. Einige bezichtigten ihn sogar des geistigen Diebstahls. Sie übersahen aber dabei, dass seine Art, Lieder zu interpretieren, bis heute einzigartig geblieben ist.

Für U2-Sänger Bono war Elvis Presley ein Genie. Buddy Holly sagte: „Ohne Elvis hätte es keiner von uns geschafft.“ Weiter bekannten sich als Elvis-Fans: Paul McCartney, John Lennon, Joe Cocker, Paul Simon, Bob Dylan, Madonna, Mark Knopfler und Bruce Springsteen.

1958 wurde Elvis zum Wehrdienst eingezogen, den er in der hessischen Stadt Friedberg ableistete. 1960 knüpfte er mit der LP „Elvis Is Back“ nach der Entlassung wieder an seine überragenden Erfolge an, wurde anschließend aber in 27 Spielfilmproduktionen verschlissen, die auch von Elvis-Fans als künstlerische Katastrophe eingeordnet wurden. 1968 gelang ihm das Comeback als Musiker. Das Live-Konzert „Aloha From Hawaii“ erreichte 1973 mit einer Milliarde Menschen eine höhere Einschaltquote als die erste Mondlandung vier Jahre zuvor.

Presley litt schon in früheren Jahren unter Schlaflosigkeit; hinzu kam Lampenfieber und eine angesichts der Bühnenerotik unbegreiflich scheinende Schüchternheit gegenüber Frauen. Die 1967 mit der wesentlich jüngeren Priscilla Beaulieu geschlossene Ehe wurde 1973 geschieden. Aus ihr ging Tochter Lisa-Marie hervor.

Die Gesundheitsprobleme nach jahrelangem Medikamentenmissbrauch wurden allmählich unübersehbar. Am 16. August 1977 wird der aufgedunsene Star tot in seinem Badezimmer in „Graceland“ gefunden. Gerüchte, dass Elvis – der Name ist ein Anagramm aus dem englischen Wort „lives“ – lebt, wollen bis heute nicht verstummen. Dann wäre der am 8. Januar 1935 geborene Presley gerade mal 72 Jahre alt. (AP)

 

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