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18.12.2009
Foto: AP Photo/Matthias Rietschel
Bautzen (APD) Als die Mauer fiel, war der Jubel groß. Während die meisten Ostdeutschen die Freiheit schon in vollen Zügen auskosteten, mussten die politischen Gefangenen in der DDR oft noch Wochen hinter Gittern verbringen. Peter Naundorf, der jahrelang in der berüchtigten Stasi-Haftanstalt in Bautzen einsaß, kam erst kurz vor Weihnachten 1989 auf freien Fuß. Er gilt damit als der letzte politische Gefangene der DDR.
Der inzwischen 75-Jährige lebt heute bei Hamburg, kommt aber mindestens einmal im Jahr nach Bautzen zurück, um als Zeitzeuge über die Vergangenheit zu reden. Gerade hat er auf einer Tagung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung gesprochen, nun steht der hagere Mann mit dem schütteren Haar wieder an der Stelle, wo er mehrere Jahre eingesperrt war. In der ehemaligen Haftanstalt, die heute eine Gedenkstätte ist, spricht er mit fester Stimme über sein Leben und die letzten Tage im Gefängnis.
Ziemlich genau kann er sich auch noch an den 21. Dezember 1989 erinnern, den Tag seiner Freilassung. Ein paar Wochen vorher hatten ihn die Gefangenen zu ihrem Sprecher gewählt. Weil er nicht wollte, dass jemand vergessen wird, ging er als Letzter durchs Tor. „Ich bin erhobenen Hauptes da raus“, sagt er. „Die Stasi wollte uns kleinkriegen, aber das ist nicht gelungen.“
Peter Naundorf hatte sich im ehemaligen DDR-Bezirk Halle in der Gastronomie nach oben gearbeitet. „Es war viel aufzubauen, und ich habe mit aufgebaut“, erinnert er sich. Anfangs war er überzeugt, dass bald die Vereinigung kommen würde. Doch stattdessen kam die Mauer. Naundorfs Eltern lebten in Hamburg. Immerhin konnte er sie einige wenige Male besuchen.
Dort trifft er auch Leute, mit denen er über die Verhältnisse in der DDR spricht. Über den Mangel, die desolate Versorgungslage. Weil er als Gastronom auch Feiern der Funktionäre versorgen muss, schnappt er hier und da was auf. Manchmal sind sogar Sowjet-Generale bei den Sausen dabei. All das erzählt er in Hamburg. Dass seine Berichte beim Bundesnachrichtendienst landen, weiß er, und es ist ihm eigentlich ganz recht. Denn die DDR will er nicht, auch wenn es ihm selbst wirtschaftlich vergleichsweise gut geht. „Ich wollte immer die Einheit“, sagt er.
Was er nicht weiß, ist, dass es im Westen eine undichte Stelle gibt. Am 1. Januar 1985 will er zu einem runden Geburtstag seines Vaters, doch er kommt nicht weit. Noch vor der Grenze wird er festgenommen. Nach monatelanger Stasi-Untersuchungshaft fällt im September 1985 das Urteil: Acht Jahre Gefängnis wegen Spionage und Landesverrats. Auch seine Frau muss monatelang in Haft, seine Tochter fliegt von der Oberschule.
Naundorf kommt nach Bautzen. Und erlebt dort in einer winzigen dunklen Zelle, wie die Diktatur allmählich den Bach runtergeht. Trotz Isolation und scharfer Bewachung bekommen die Gefangenen mit, dass es draußen hinter den dicken Mauern brodelt im ganzen Land. Sie sehen, wie Anfang Oktober Lastwagen in den Hof der Haftanstalt rollen und Dutzende Menschen in die Garagen geprügelt werden. Später erfahren sie, dass es Leute sind, die in Dresden auf die Straße gegangen waren.
Dann hören sie die Rufe von Demonstranten, die immer montags vorm Gefängnistor aufziehen und die Freilassung der Insassen fordern. „Gefangene raus, Stasi rein“, rufen die Menschen. „Ich bin den Bautzenern bis heute unendlich dankbar dafür“, sagt Naundorf mit belegter Stimme und Tränen in den Augen. Das habe vielen hier neuen Mut und Kraft gegeben.
Nach dem Mauerfall kommt es zu absurden Szenen: Die Wärter erzählen aufgekratzt von ihren ersten Reisen in den Westen, für ihre Zuhörer aber bleibt erst einmal alles beim Alten. „Wir wussten, dass es zu Ende geht mit der DDR“, sagt Naundorf. „Aber wir wussten nicht, was mit uns passiert.“
Es scheint fast so, als habe man die politischen Gefangenen vergessen. Noch im November gibt es zwar eine Teilamnestie für Republikflüchtlinge, doch die anderen bleiben zunächst weiter hinter Schloss und Riegel. Am 4. Dezember gehen die verbliebenen Gefangenen auf die Barrikaden, sie organisieren sich, machen Naundorf zu ihrem Sprecher. Der Gefangenenrat setzt durch, dass Anwälte und Vertreter des Neuen Forums und der Kirche in den Knast dürfen. Und sie sorgen dafür, dass sie sich zumindest innerhalb des Gefängnisses freier bewegen können.
Am 21. Dezember kommt endlich auch Naundorf raus. Er wird nach Ostberlin gebracht, wo er im berühmten goldfarbenen Mercedes von DDR-Anwalt und Unterhändler Wolfgang Vogel hinüber in den Westen der Stadt rollt. Von dort aus fliegt er zu seiner Frau nach Hamburg. Beide schmieden Pläne, sind glücklich. „Jetzt haben wir es geschafft“, sagen sie sich. Doch viel gemeinsame Zeit bleibt ihnen da nicht mehr. Nur fünf Wochen später fällt sie wegen eines Hirnschlags ins Koma, ein paar Monate darauf stirbt sie.
Naundorf will sich nicht unterkriegen lassen. „Vielleicht“, sagt er, „ist es auch ganz gut, eine Aufgabe zu haben.“ Die sieht er darin, als Zeitzeuge daran mitzuwirken, dass die Erinnerung wach bleibt. Nächstes Jahr will er wieder nach Bautzen kommen. (AP)
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