Feuilleton – Der Meister des feinen Humors ist tot – Roland Losch
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Vicco von Bülow alias Loriot Der Meister des feinen Humors ist tot

Roland Losch

23.08.2011

Am Montag starb Vicco von Bülow im Alter von 87 Jahren im Münsinger Ortsteil Ammerland am Starnberger See. Foto: Michael Gottschalk/dapd Photo
Am Montag starb Vicco von Bülow im Alter von 87 Jahren im Münsinger Ortsteil Ammerland am Starnberger See.

Foto: Michael Gottschalk/dapd Photo

Münsing/München – Als seine langjährige Sketchpartnerin Evelyn Hamann 2007 starb, zeigte sich der 19 Jahre ältere Loriot tief berührt. Er wandte sich damals an die Verstorbene mit den Worten: "Liebe Evelyn, Dein Timing war immer perfekt, nur heute hast Du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte." Sterben war selbst für den Meister des feinen Humors ein schwieriges Thema. Über seinen eigenen Tod könne er nicht lachen, sagte Vicco von Bülow alias Loriot vor knapp 20 Jahren in einem Interview.

Der Tod sei für ihn "eine ernste Sache", weil dabei auch religiöse Themen berührt werden. "Ich trete in meine letzten Jahre ein. Da beschäftigt mich in steigendem Maße der Gedanke, dass es mich bald nicht mehr geben wird, und dies ist ganz sicher nicht komisch", sagte Loriot damals. Am Montag starb Vicco von Bülow im Alter von 87 Jahren im Münsinger Ortsteil Ammerland am Starnberger See.

Loriot hinterlässt seine Frau und zwei Töchter. Mehr als ein halbes Jahrhundert nahm der Karikaturist, Regisseur, Schauspieler, Zeichner und Schriftsteller das Absurde im Alltag aufs Korn. Seine Sketche und Filme haben Kultcharakter.

Bestandteil des deutschen Humor-Kulturguts

Legendär sind etwa die "Herren im Bad", die sich in der Wanne treffen und einen typischen Loriot-Dialog führen. "Ich entscheide persönlich, ob ich mit Wasser bade oder ohne", erwidert Herr Müller-Lüdenscheid, als Herr Dr. Klöbner darum bittet, Wasser einzulassen.

Auch "Das Jodeldiplom", "Kosakenzipfel", "Das Frühstücksei" und die Filme "Ödipussi" und "Pappa ante Portas" gehören zum deutschen Humor-Kulturgut. Verletzend oder unhöflich war Loriots Komik nie. Über bestimmte Themen wie etwa Kirche mache er keine Witze, erläuterte Bülow einmal, der einer preußischen Offiziersfamilie entstammt.

In seinen letzten Lebensjahren durfte Loriot noch zahlreiche Preise entgegennehmen, wie zum Beispiel 2009 den Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie. "Eine gewisse Häufigkeit ergibt sich wohl aus der Tatsache, dass ich nicht mehr der Jüngste bin. Die Zeit zur Überreichung von Preisen wird knapp", sagte der damals 85-Jährige über die hohe Zahl an Ehrungen.

Verdient hat Loriot die Auszeichnungen allemal. Er avancierte zum bekanntesten deutschen Humoristen. Laut einer 2008 veröffentlichten Allensbach-Umfrage kennen ihn 92 Prozent der Bevölkerung.

Seine große Popularität kam in den 1970er Jahren

Seine Karriere startete der am 12. November 1923 geborene Loriot nach dem Studium an der Kunstakademie Hamburg Ende der 1940er Jahre als Werbegrafiker. Schon bald aber betätigte er sich als Karikaturist und zeichnete ab 1950 Cartoons für verschiedene Zeitschriften, darunter auch das Magazin "Stern". Erkennungsmerkmal seiner Karikaturen wurde ein korrekt gekleidetes Strichmännchen mit Knollennase. Zudem etablierte er das Pseudonym "Loriot", der französische Name des Vogels Pirol, der das Wappentier seiner Familie ist.

Große Popularität erlangte Bülow in den 1970er Jahren mit der TV-Serie "Loriot". In den Fernsehsketchen entwickelte er seinen unverwechselbaren Stil. Seine kongeniale Partnerin wurde Hamann, die er selbst als "Glücksfall" bezeichnete. Noch heute schütten sich Menschen vor Lachen, wenn sie den Sketch "Die Nudel" sehen: Ein stocksteifer Galan macht darin seiner Angebeteten eine Liebeserklärung, während er unbewusst stets ein Stück Nudel im Gesicht hin und her schiebt.

Als Loriot mit "Ödipussi" 1988 seinen ersten Spielfilm drehte, war er bereits 65 Jahre alt. Er spielt darin den steifen Geschäftsführer eines Einrichtungshauses, der sich von seiner dominanten Mutter zu lösen versucht. Drei Jahre später folgte der Film "Pappa ante Portas". Auch darin zeigte sich der typische Loriot-Humor: Bülow verkörpert einen unfreiwillig pensionieren Manager, der seine Familie mit seinem Aktionismus in den Wahnsinn treibt.

Das Fernsehen wurde für seine Komik zu schnell

Immer wieder nahm Loriot treffsicher kommunikative Missverständnisse aufs Korn – besonders zwischen Frauen und Männern. "Ich bin der Meinung, dass Mann und Frau nicht zusammen passen", sagte er einmal. Mit seiner eigenen Frau klappte es offenbar dennoch sehr gut. Das Paar war seit 1951 verheiratet.

Seinen 60., 65., 70. und 80. Geburtstag beging Loriot in der ARD jeweils mit einer eigenen Sketch-Sendung. In seinen letzten Lebensjahren zog er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und gab nur noch selten Interviews. "Meine öffentlichen Auftritte werden sich auf meine Lieblingsrestaurants beschränken", betonte er im Mai in der "Bild am Sonntag". Die Zeichen des Alters bezeichnete er als unerfreulich. "Zu meinen jugendlichen Altlasten gesellten sich in den letzten Jahren überflüssige Probleme mit den Augen. Zum Beispiel sehe ich so manches doppelt, was mir schon einmal völlig ausreichen würde."

Bereits 2006 hatte Loriot seinen Abschied vom Bildschirm verkündet. "Das Fernsehen ist zu schnell geworden für meine Komik", sagte er damals. Loriot wurde als Humorist mit intellektueller Brillanz gefeiert. Dennoch gab er sich gegenüber jüngeren Comedians nicht überheblich. "Atze Schröder oder Mario Barth sind durchaus große Könner auf ihrem Gebiet", sagte er einmal. Deren Erfolg beruhe vor allem auf einer Form der "Stimmungsmache".

"Eigentlich bin ich Opa Hoppenstedt"

Loriots Werk hat nach vielen Jahren kein bisschen an Aktualität eingebüßt. Noch immer nerven sich Ehepaare über das richtig gekochte Frühstücksei, noch immer geschehen an Weihnachten in vielen Familien absurde Dinge. Auch deshalb können wohl so viele über Opa Hoppenstedt lachen, der seine Familie mit der ewig gleichen Marschmusik nervt und seinem Enkel zu Weihnachten ein Atomkraftwerk zum Selberbasteln schenkt.

"Eigentlich bin ich Opa Hoppenstedt", sagte von Bülow vor seinem 85. Geburtstag. "Das Alter trifft zu. Das Befinden trifft zu. Das Aussehen trifft zu." Loriots Komik aber ist jung und aktuell geblieben. Mit ihr bleibt auch Loriot unsterblich.

(dapd)

 

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