Aktuelle Nachrichten Europa – Der Niedergang von Dudley – Jane Wardell
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Großbritannien Der Niedergang von Dudley

Jane Wardell

03.05.2010

Dudley (apn) Dave Mitchell steht inmitten der Meterware an seinem Marktstand in der Innenstadt von Dudley, umsäumt von weißen Stickgardinen. Mit verschränkten Armen wartet er auf Kundschaft – doch vergebens. Dabei tummeln sich genügend Menschen auf dem Marktplatz im Schatten der Burgruine aus dem elften Jahrhundert. Doch die Arbeitslosigkeit in der Region ist hoch, das Geld knapp.

Dudley liegt im Herzen der West Midlands unweit von Birmingham. Die Stadt ist Inbegriff für die einstige Blüte der britischen Schwerindustrie – und für deren Niedergang. Der schwarze Ruß der Schlote, die das Landschaftsbild seit dem 18. Jahrhundert prägten, verlieh der Region den Namen „Black Country“. Hier standen Eisengießereien und Stahlhütten, in denen ganze Familien über Generationen hinweg Arbeit fanden. Hier wurden Dampfmaschinen und später Autos gebaut sowie Kohle gefördert und in alle Welt verkauft.

Doch Dudleys goldene Zeiten sind lange vorbei. Heute verbreiten zugenagelte Schaufenster ein Bild der Niedergeschlagenheit. Es gibt kaum Alternativen zur einstigen Schwerindustrie, und die Arbeitslosigkeit ist hoch. All dies spielt in den politischen Kampagnen für die Unterhauswahl am kommenden Donnerstag eine Rolle, denn Dudley gehört zu den hart umkämpften Wahlkreisen.

Enttäuschung über die Labour Party

„Ich bin noch nie in meinem Leben zur Wahl gegangen“, gesteht der 42-jährige Mitchell. „Aber diesmal werde ich wählen, und zwar die Konservativen. Labour hat hier alles ruiniert.“

Mitchell arbeitete früher beim Autohersteller Rover im nahegelegenen Longbridge – bis das Unternehmen Pleite ging. Er ist überzeugt, dass sich der frühere Premierminister Tony Blair und seine Labour Party nicht genug für Dudley ins Zeug gelegt hätten. Mehr hätte getan werden müssen, um Großbritanniens produzierendes Gewerbe zu schützen und zu verhindern, dass es nach Asien und Osteuropa abwandere. So wie Mitchell denken viele.

Dudley war einer von vielen Wahlkreisen in den West Midlands, die Blair 1997 ins Amt verhalfen. Doch diesmal steht Dudley politisch auf Messers Schneide und könnte den Konservativen zufallen. Seit Blair vor 13 Jahren die Regierung von den Konservativen übernahm, gingen etwa eine Million Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe Großbritanniens verloren – der Großteil davon in den West Midlands. Das Einkommensgefälle zwischen dieser Region und dem Rest des Landes hat sich deutlich vergrößert.

Dudley wurde zum Opfer einer neuen Wirtschaftspolitik, in deren Mittelpunkt der Dienstleistungssektor steht. Vor allem Finanzdienstleistungen machen heute zwei Drittel der britischen Wirtschaftskraft aus. Der Anteil der Industrieproduktion ist indessen von einstmals der Hälfte auf weniger als ein Viertel geschrumpft.

Investitionen in High-Tech und grüne Technologie

Sowohl die Konservativen als auch die Labour-Partei versuchen die Wähler im ehemalige Kernland der britischen Industrie zu umgarnen. Der amtierende Premierminister Gordon Brown will die beiden Wahlkreise von Dudley für Labour halten, Oppositionsführer David Cameron will sie für die Konservativen erobern.

Beide versuchen, die allgemeine Niedergeschlagenheit zu zerstreuen: Sie versprechen, die kriselnde Wirtschaft wieder ins Lot zu bringen und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Großbritannien soll demnach zu den europäischen Exportnationen Deutschland und Frankreich aufschließen. Vor allem soll in High-Tech-Güter und grüne Industrienzweige wie Windkraft und Elektroautos investiert werden.

Cameron lancierte seinen Wahlkampfauftakt im nahegelegenen Birmingham. In seinem Wahlprogramm verspricht er eine Re-Industrialisierung. Brown machte ähnliche Zusagen, als er vor der Belegschaft der BMW-Tochter Mini in Oxford sein Wahlprogramm vorstellte. Die Liberaldemokraten um Nick Clegg wiederum plädieren für eine Umrüstung der einstigen Schiffswerften: Dort sollten fortan Turbinen für Hochsee-Windanlagen gebaut werden.

So besteht Hoffnung, dass die Wirtschaft in Dudley und dem „Black Country“ einen neuen Aufschwung erfährt. Analysten warnen jedoch, dass fehlende Ausbildungsplätze dem im Weg stehen könnten. In Dudley geht vorerst weiter die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen um. Und wie der Gardinenverkäufer Mitchell wollen viele ihre Stimme den Konservativen geben, um die Labour-Regierung für den industriellen Niedergang der Region abzustrafen. (AP)

 

 

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