Aktuelle Nachrichten – Kultur
18.05.2012
Foto: Oliver Lang/dapd
Berlin – Auch mehr als 19 Jahre nach seinem offiziellen Abschied von der Bühne ist der Sänger, Dirigent, Lehrer und Schriftsteller Dietrich Fischer-Dieskau unvergessen. Er zählte zu den bedeutendsten Opern- und Liedersängern des vergangenen Jahrhunderts, Fischer-Dieskau wurde von den Städten Berlin und München mit Titel Kammersänger geehrt. Am Freitag ist Fischer-Dieskau im Alter von 86 Jahren in Berg bei Starnberg gestorben – wenige Tage vor seinem Geburtstag am 28. Mai.
Es war ein großer Galaabend in der Bayerischen Staatsoper in München, dieser 31. Dezember 1992. Er setzte den Schlusspunkt unter eine Weltkarriere, die für den als Jahrhundertmusiker geltenden Sänger 1947 begann. Dabei erfüllte sich der Traum so vieler Künstler: Weil ein Solist für die Aufführung des "Deutschen Requiems" von Brahms erkrankt war, sprang Fischer-Dieskau ohne Proben ein. Ein Ausnahmetalent war entdeckt. Kurz darauf trat er mit seinem ersten Liederabend in Leipzig auf. Seine Opernkarriere begann 1948 in seiner Geburtsstadt Berlin mit dem Marquis Posa in Verdis "Don Carlos". Die Deutsche Oper Berlin wurde eine der wichtigsten Stationen seiner musikalischen Laufbahn.
Gastspiele führten Fischer-Dieskau anschließend rasch an die großen Opernhäuser in München und Wien, ab 1954 war er ständiger Gast in Bayreuth, ab 1956 auch bei den Salzburger Festspielen. Es folgten London und New York. Die verantwortungsbewusste Akribie seiner Interpretation und die große stimmliche Kraft begeisterten Publikum und Kritiker gleichermaßen. "Pionierdienste" leistete Fischer-Dieskau für zeitgenössische Komponisten wie Hans Werner Henze, Paul Hindemith und Aribert Reimann, indem er ihre Arbeiten auf die Bühne brachte. 1982 war dann Schluss mit der Opernkarriere des großen Fischer-Dieskau.
Was danach folgte, war nicht weniger beeindruckend: die große Karriere als Liedersänger. Glanzstück in seinem Repertoire wurde fortan das romantische Klavierlied. Seine Schubert-Interpretationen gelten heute noch als unerreicht. Hochgelobt wurde die Genauigkeit seines Vortrags, in dem Text und Musik als gleichberechtigte Partner nebeneinander standen. Mehr als 1.000 Schallplatten wurden mit seiner Musik eingespielt. Seit 1992 ist Fischer-Dieskau als Gesangslehrer, Dirigent, Rezitator, Buchautor und Kunstmaler aktiv. Er verfasste Bücher über die Lieder von Schubert und Schumann, Musiker-Biografien sowie seine persönlichen Erinnerungen "Zeit seines Lebens. Auf Fährtensuche".
In der Fachwelt hatte Fischer-Dieskau den Ruf, ein intellektueller, ein akademischer Sänger zu sein. "Ich habe mich ein Leben lang erfolglos dagegen gewehrt", sagt er heute. Ein Intellektueller sei jemand, der kopflastig sei, und das könne man sich als Sänger nicht leisten. "Wir müssen uns mit dem ganzen Körper unserer Arbeit hingeben, wie eine Kerze, die an zwei Enden brennt."
In seinen letzten Jahren ging Fischer-Dieskau nur noch als Zuschauer in die Oper – und auch das nur selten. "Meistens ärgere ich mich nur", sagte er in einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstages. Viele Aufführungen brächten die Musik überhaupt nicht zum Sprechen. Für seine eigene Fähigkeit, Musik zum Sprechen zu bringen, wurde der Bariton weit über sein Karriereende hinaus geehrt: 2002 erhielt er den japanischen Kunstpreis Praemium Imperiale, der als Nobelpreis der Künste gilt. Die Stadt Berlin, von der aus er seine Weltkarriere startete, verlieh ihm 2000 die Ehrenbürgerwürde.
(dapd)
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