Foto: Matthias Kehrein/The Epoch Times
Hamburg/Berlin – Herausragende Sportler mit dem Bundesverdienstkreuz auszuzeichnen, hat Tradition. Athleten werden schließlich von der Gesellschaft gefördert, die sich wiederum mit deren Erfolgen identifizieren will. Ein Geschäft, mit dem meist beide Seiten zufrieden sind.
Ines Geipel findet diesen Deal schon lange suspekt: "Im Kalten Krieg gab es die staatlichen Leistungsprogramme und klare Fronten", sagt die Autorin im Gespräch mit der dapd. "Aber das Bedürfnis, die eigenen Leute gewinnen zu sehen, um sich der eigenen Überlegenheit zu versichern, ist immer noch da." Damit, so lautet das Argument der früheren Weltklasse-Sprinterin aus Dresden, schwindet der Raum für Fairness im Sport.
Am Dienstag wurde Geipel selbst mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt, und zwar ausdrücklich auch für ihre "vielbeachtete Aufarbeitung des DDR-Zwangsdoping-Systems sowie ihren Kampf für die Entschädigung der Doping-Opfer". Als Geipel in den frühen 80er-Jahren selbst zu den schnellsten Sprinterinnen der Welt gehörte, wurden ebenfalls Sportler mit Orden behängt. Das gehörte zu einem rücksichtslosen System, dessen nachträgliche Aufdeckung sie akribisch und unermüdlich betrieben hat.
Damit gewann man im sportlichen Establishment des vereinigten Deutschland nicht nur Freunde, aber für Verschweigen und Beiseitelegen ist sie nicht zu haben: "Ich bin überzeugt, dass ein Trauma besser zu verarbeiten ist, wenn man es möglichst bald und gründlich anschaut." Es ist auch ein eigenes Trauma; Geipel bestand auf der Streichung ihrer Zeiten aus Rekordlisten, die unter dem Staatsdoping-Regime zustande gekommen sind.
Die Unverträglichkeit mancher Wahrheiten ist ihr jedoch sehr bewusst. Nach dem Prozess gegen die Haupttäter des organisierten DDR-Dopings im Jahr 2000, bei dem Ines Geipel als Sprecherin der zahlreichen Nebenklägerinnen auftrat, fanden sich einige Mit-Geschädigte im Krankenhaus wieder. Der Körper rebellierte gegen die erneute Konfrontation mit dem Erlebten.
Heute ist die 51-Jährige Ines Geipel Schriftstellerin und Professorin an der Hochschule für Schauspiel "Ernst Busch" in Berlin. Sport steht nicht mehr im Zentrum ihrer Arbeit, bleibt aber ein Thema. Sie spürt beharrlich den Brüchen, Verletzungen und verborgenen Spannungen nach, die sie in biographischen Skizzen sichtbar macht. Zuletzt im Buch "Seelenriss – Depression und Leistungsdruck" war Geipel unter anderem Sportlern auf der Spur, die sich überfordern und in Zwangslagen geraten, die ihnen keine Auswege mehr lassen. Sie nennt ihre Form "Biogramme", darunter eines über Robert Enke: Das sind zugleich dokumentarische und literarische Essays, die assoziativ arbeiten, aber genau recherchiert und gedanklich plausibel sind. Wer sich mit den Bedingungen des Leistungssports auseinandersetzen will und dem Preis, der auf vielen Ebenen für Erfolge zu zahlen ist, wird kaum bessere Anregung finden.
Manche, die Ines Geipels Erkundungen eher störend finden, beschreiben sie als "verbittert". Das ist sie nicht, aber illusionslos und nicht bereit, sich mit der Fassade des Sports zu vergnügen.
(dapd)
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