TOP-STORY – Der «schlafende Löwe» nimmt Abschied – Susann Kreutzmann
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Der «schlafende Löwe» nimmt Abschied

Susann Kreutzmann

01.05.2006

FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt in Berlin am 18. September 2005. (Photo by Martin Rose/Getty Images)
FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt in Berlin am 18. September 2005. (Photo by Martin Rose/Getty Images)

Berlin - «Es ist kein Abschied, sondern ein Zeitplan», hatte der scheidende FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt vor gut sieben Monaten erklärt, als er den Generationswechsel an der Spitze der Liberalen für den 1. Mai ankündigte. «Ohne Bitternis» gebe er den Fraktionsvorsitz an Parteichef Guido Westerwelle ab. Der Personalwechsel beendet den jahrelangen Machtstreit an der FDP-Spitze.

Während Westerwelle jetzt als Partei- und Fraktionschef die unumstrittene Nummer eins bei den Liberalen ist, wird Gerhardt künftig die parteinahe Friedrich-Naumann-Stiftung leiten. Ende der Legislaturperiode 2009 will der gebürtige Hesse aus dem Parlament ausscheiden.

Nach der Bundestagswahl im September 2005 hatte sich Gerhardt noch einmal gegen seinen Dauerrivalen Westerwelle durchgesetzt. Die FDP-Fraktion wählte ihn mit 93,4 Prozent wieder zu ihrem Vorsitzenden. Der Triumph war nur von kurzer Dauer. Wenig später gaben Westerwelle und Gerhardt den Stabswechsel bekannt.

Hintergrund war das Abschneiden der Partei bei der Bundestagswahl. Zwar konnten die Liberalen ihr Ergebnis von 7,4 auf 9,8 Prozent steigern, doch für die lang herbeigesehnte Regierungsbeteiligung reicht es nicht. Nun brauchte die Partei plötzlich keinen Außenminister - dieses Amt hätte Gerhardt in einer schwarz-gelben Regierung übernehmen sollen - sondern einen streitbaren Oppositionsführer. Besonders die jüngeren FDP-Politiker machten sich nun für Westerwelle stark. Gerhardt, der gemäßigt konservative Nestor der FDP, schien vielen für den Job nicht der richtige.

Der 62-Jährige hat in seiner Partei einige «Hochs» und «Tiefs» erlebt. Im Mai 2001 verdrängte ihn Westerwelle vom Parteivorsitz, damals unter tätiger Mithilfe von Jürgen W. Möllemann. Gerhardt galt als scharfer Kritiker des inzwischen verstorbenen nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden. Der von Möllemann und Westerwelle betriebene Spaßwahlkampf und ihre 18-Prozent-Ambitionen waren nicht nach seinem Geschmack.

Doch im Laufe des Wahljahres 2005 erlebte Gerhardt ein erstaunliches Comeback. Der wegen seiner bedächtigen Art einst als «schlafender Löwe aus Wiesbaden» belächelte Hesse war wieder gefragt. Von der Parteibasis wurde er umjubelt. Mit seinen Reden zur Außenpolitik feierte er bei den Delegierten fulminante Erfolge. Nach den Ausflügen der FDP ins leichte Fach wurde es vor allem Gerhardt zugetraut, die Liberalen vom Leichtmatrosenimage zu befreien.

<hl2>Schon früh politisch aktiv</hl2>

Gerhardt wurde am 31. Dezember 1943 geboren. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften, Germanistik und Politik in Marburg promovierte er. Schon während des Studiums war er als Landesvorsitzender der Deutschen Jungdemokraten politisch aktiv. Als Leiter des Regionalbüros Hannover der Friedrich-Naumann-Stiftung und später in Bonn konnte er auch im Beruf seinen politischen Ambitionen nachgehen.

1978 wurde Gerhardt Abgeordneter im hessischen Landtag, 1983 Vorsitzender der dortigen liberalen Fraktion und später Wissenschaftsminister des Landes. 1985 wurde er zum stellvertretenden FDP-Bundesvorsitzenden gewählt.

Seit 1994 ist er Mitglied des Bundestages. Von 1995 bis 2001 war er Vorsitzender der FDP. Nach der Amtsübergabe an Westerwelle konzentrierte sich Gerhardt als Fraktionschef auf die parlamentarische Arbeit. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

(AP)

 

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