Aktuelle Nachrichten – Europa
01.02.2009
Moskau – Bei der Redaktionskonferenz der Moskauer Zeitung „Nowaja Gaseta“ ist der Tod ständiger Gast: Vier Journalisten hat die größte unabhängige Zeitung in den vergangenen acht Jahren verloren – drei wurden ermordet und einer unter mysteriösen Umständen vergiftet. Am 19. Januar wurde die Reporterin Anastasia Baburowa zusammen mit einem Menschenrechtsanwalt erschossen – ein Mord wie eine Hinrichtung, ausgeführt von einem vermummten Mann, der eine Pistole mit Schalldämpfer benutzte.
„Normalerweise wird gelacht, gescherzt, über Ideen gesprochen“, sagt Chefredakteur Dmitri Muratow. „Aber wie kann man normal weitermachen, wenn ein Kollege beerdigt wird?“ In einem Land, das eines der gefährlichsten für Journalisten ist, hat keine Zeitung so gelitten wie die „Nowaja Gaseta“. Sie ist eine der wenigen Publikationen, die sich nicht dem Kreml unterwarf – keine andere veröffentlicht derart regierungskritische investigative Berichte wie die „Nowaja Gaseta“ über Korruption und die Gewalt in Tschetschenien.
„Alle zwei bis drei Jahre verlieren wir jemand“, sagte die 21-jährige Reporterin Elena Kostjutschenko. „Aber man muss schreiben, schreiben, schreiben und weitermachen. Man muss.“
Seit 2000 sind 16 Journalisten in Russland ermordet worden, meist auf eine Art und Weise, die auf einen Auftragsmord hindeutete. Viel mehr sind physisch angegriffen und bedroht worden. Unter Wladimir Putin, der vor acht Jahren Präsident wurde und jetzt Ministerpräsident ist, wurden die Fernsehnetzwerke vom Staat übernommen und deren Nachrichten auf Regierungslinie gebracht. Große Zeitungen sind in der Tendenz Kreml-freundlich oder im Besitz von Unternehmen, die mit dem Kreml verbunden sind. Von den vielen unabhängigen Zeitungen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre entstanden, ist die „Nowaja Gaseta“ eine der wenigen Überlebenden.
Ihr berühmtester Verlust ist die Journalistin Anna Politkowskaja, die über Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenienkrieg berichtete. Sie wurde 2006 vor ihrer Moskauer Wohnung ermordet. Der Fall erregte weltweites Aufsehen. Drei Tschetschenen – zwei Brüder und ein ehemaliger Polizist – stehen wegen des Mordes vor Gericht. Die Anklage hat aber kein Motiv genannt und keinen Auftraggeber identifiziert – die „Nowaja Gaseta“ geht deshalb von einem Scheinprozess aus, der die Hintergründe der Tat nicht aufklären soll. Putin hat gesagt, der Politkowskaja-Mord sie im Ausland ausgeheckt worden, um Russland zu diskreditieren.
Igor Domnikow wurde 2000 als erster „Nowaja Gaseta“-Reporter ermordet. Er berichtete überregionale Korruption, die Mörder erschlugen ihn mit einem Hammer. Sieben Mitgliedern einer Verbrecherbande wurde 2007 der Prozess gemacht, der Hauptangeklagte sagte, der Gouverneur einer russischen Region habe den Mord in Auftrag gegeben, weil er von Domnikow kritisiert worden sei. Gegen den Gouverneur wurde keine Anklage erhoben.
2003 starb Juri Schtschekotschichin an einer schweren allergischen Reaktion. Seine Kollegen vermuten, das er vergiftet wurde. Schtschekotschichin hatte über Korruption auf höchster Ebene und die tödlichen Anschläge auf Wohnhäuser 1999 investigative Artikel veröffentlicht.
Beim jüngsten Mord scheint der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow das eigentliche Ziel gewesen zu sein. Markelow hatte sich auf die Verteidigung von Tschetschenen, Menschenrechtsaktivisten und Umweltschützern in russischen Prozessen spezialisiert. Baburowa könnte erschossen worden sein, weil sie ihn zu schützen versuchte, vermuten die Kollegen.
Viele Journalisten der „Nowaja Gaseta“ sind davon überzeugt, das nationalistische oder faschistische Gruppen hinter den jüngsten Gewalttaten stecken. Das eigene Zeitungsblog ist voller anonymer Einträge, in denen die Morde gefeiert werden. Unter Verdacht stehen auch Geheimdienste – niemand hat vergessen, dass 2000 die Telefone der Zeitung abgehört wurden und Computer-Festplatten gestohlen wurden.
Journalisten der „Nowaja Gaseta“ haben Selbstverteidigungskurse absolviert. Ihre Notizen speichern sie auf sicheren Computer-Servern. Einige benutzen Pseudonyme. Mindestens einer wird nach Morddrohungen von Leibwächtern geschützt. Verleger Alexander Lebedew hat die Behörden aufgefordert, seinen Redakteuren das Tragen von Waffen zu erlauben. Das ist in der Redaktion umstritten, Chefredakteur Muratow ist dafür.
„Entweder wir verteidigen uns selbst oder wir schreiben über Natur und Vögel – und alle positiven Dinge. Wir werden eine Boulevardzeitung“, sagt der 47-Jährige. „Und wir schreiben nicht mehr über die Sicherheitsdienste. Wir scheiben nicht über Korruption. Wir schreiben nicht über Faschismus.“
Die Radiomoderatorin Julija Latynina schreibt in der „Nowaja Gaseta“ regelmäßig kritischste Kolumnen über Putin, ihr Name erscheint regelmäßig auf Todeslisten im Internet. Sie sieht faschistische Banden hinter den Journalistenmorden und beschuldigt Sicherheitsbehörden, mit den Tätern zu sympathisieren oder sogar mit ihnen zusammen zu arbeiten. Hat sie Angst um ihr Leben? „Der Kreml braucht nicht noch eine Politkowskaja“, sagt sie.
Vera Tschelschewa, die auf der Webseite der Zeitung schreibt, sagt, dass den meisten Russen die Morde egal sind. „Das hier ist ein Land, das mit dem Gulag gelebt hat, Stalin durchgemacht hat – sie wissen, wie man Leute umbringt. Deshalb protestiert niemand auf der Straße. Das hier ist ein Land, das seine Geschichte vergisst.“
Die „Nowaja Gaseta“ wurde 1993 gegründet und erscheint dreimal die Woche. Ihre Auflage beträgt 270.000 – weniger als Kreml-nahe Zeitungen, aber genug, um sie zu einer starken und unabhängigen Stimme in der russischen Medienlandschaft zu machen. Ein Verleumdungsprozess 2002 hätte beinahe zur Schließung der Zeitung geführt. Drei Jahre später erwarben der Milliardär Lebedew und der letzte sowjetische Präsident Michail Gorbatschow 49 Prozent der Anteile, die Mehrheit blieb bei der Redaktion.
Am 21. Januar, zwei Tage nach der Ermordung Markelows und Baburowas, erschien die „Nowaja Gaseta“ auf der Titelseite mit einem Foto des in seinem Blut liegenden Anwalts. Darunter stand: „Die Mörder haben keine Angst, weil sie wissen, dass sie nie bestraft werden. Aber die Opfer haben auch keine Angst. Weil, wenn man jemand anderen verteidigt, hört man auf, Angst zu haben.“
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