Menschen & Meinungen – Der Traum vom Ministerpräsidenten – Christiane Jacke
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Ein Tiefstapler Der Traum vom Ministerpräsidenten

Christiane Jacke

28.03.2011

Kretschmann hat am Sonntag in Baden-Württemberg einen fulminanten Sieg eingefahren. Er hat das Ergebnis seiner Partei verdoppelt und sich damit vor die SPD geschoben. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dapd Photo
Kretschmann hat am Sonntag in Baden-Württemberg einen fulminanten Sieg eingefahren. Er hat das Ergebnis seiner Partei verdoppelt und sich damit vor die SPD geschoben.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dapd Photo

Berlin – Winfried Kretschmann scheint der Trubel nicht ganz geheuer. Der Chef der Grünen in Baden-Württemberg stiehlt sich am Montagmorgen durch den Hintereingang in die Berliner Parteizentrale. Der künftige Ministerpräsident des mächtigen Flächenlandes läuft wortlos in den Sitzungssaal des Parteirats, hebt kurz die Hände und lässt sich von seinen Mitstreitern beklatschen. Dann setzt er sich still hin, faltet die Hände vor sich auf dem Tisch und lauscht, wie Grünen-Chef Cem Özdemir vom Geschichte schreiben im Ländle schwärmt.

Der große Auftritt ist Kretschmanns Sache nicht. Der 62-Jährige neigt nicht zu Übermut. Er ist ein Tiefstapler, hat eine unaufgeregte, gemütliche Art – bodenständig, ungeküstelt, mitunter anrührend onkelhaft und irgendwie ungrün. Für seinen künftigen Job als Landesvater bringt der Schwabe einiges mit. Aber das Repräsentieren wird er wohl noch üben müssen.

Kretschmann hat am Sonntag in Baden-Württemberg einen fulminanten Sieg eingefahren. Er hat das Ergebnis seiner Partei verdoppelt und sich damit vor die SPD geschoben. Er wird der erste Ministerpräsident in der Geschichte der Grünen und hat das Unmögliche geschafft: Er hat die jahrzehntelange Dauerregentschaft der CDU in Baden-Württemberg beendet.

Ganz so große Worte mag Kretschmann aber nicht in den Mund nehmen. Ja, die Grünen kämen in Baden-Württemberg nun "in eine neue Phase", sagt er, "wir müssen jetzt führen." Eine große Verantwortung sei das.

Später spricht er dann doch von einem "grandiosen Ergebnis". Lange hält er sich aber nicht damit auf. Lieber redet Kretschmann darüber, dass er das Land in "kooperativem Stil" mit der SPD lenken will, "mit Besonnenheit, Maß und Mitte" und einer "Politik des Gehörtwerdens". Sachlich ist er, nicht spöttisch oder süffisant.

Regierungschef – das ist eine neue Dimension

Für die Grünen ist Kretschmanns Sieg tatsächlich ein Wendepunkt. Die Nummer Eins sein, regieren und nicht nur mitregieren – das hat eine neue Qualität. Fast scheint es, als werde sich die Partei an diesem Morgen erst richtig bewusst, was da auf sie zukommt.

In dieser Nacht habe sie von einem grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg geträumt, erzählt Parteichefin Claudia Roth am Morgen danach, "und dann wachst du auf und dann ist das so". Ein schönes Erwachen sei das gewesen.

So ganz können die Grünen ihr Glück nicht fassen. Es kommt mit wuchtigem Tempo. Grünen-Chef Cem Özedmir sagt, in den Parteigremien hätten sie sich die Zahlen aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am Morgen "noch mal genau angeschaut, um wirklich zu glauben, was da passiert ist".

Dass es eine größere Sache ist, die "da passiert ist", zeigt schon der Andrang in der Berliner Parteizentrale. Schon am Wahlabend drängelten sich hier mehrere hundert Anhänger und Journalisten auf engstem Raum und drückten sich gegenseitig Ellbogen in die Seiten.

Die Parteizentrale wird zu klein

Montagfrüh dann der nächste Ansturm: Dutzende Kamerateams warten schon am Morgen vor der Tür. Später platzt der Raum der Pressekonferenz aus allen Nähten. Die Journalisten und Fotografen kauern auf Fensterbänken und auf dem Boden.

Eine neue Bundesgeschäftsstelle vielleicht? Kommt nicht in Frage, sagt Roth, "wir bleiben in unserem grünen Haus." Die Partei dürfe nun nicht überschnappen.

So lautet auch das Motto der gesamten Parteiführung an diesem Tag. Immer wieder ist da von Verantwortung die Rede, von Demut, großen Erwartungen – und vom Anpacken, Arbeiten, Ärmel hochkrempeln. Die Grünen mühen sich nach dem erdrutschartigen Sieg um einen seriösen und sachlichen Ton. In einigen Gesichtern blitzt aber ein Hauch Unsicherheit auf angesichts der neuen Rolle. Kretschmann scheint nicht der einzige, dem die Sache nicht ganz geheuer ist.

(dapd)

 

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