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07.06.2012
Foto: AP Photo/Michael Sohn
Berlin – Orhan Pamuk selbst versteht sein Werk als unpolitisch. Er wolle als Schriftsteller in "seinem Elfenbeinturm" leben, sagte der türkische Literaturnobelpreisträger einmal. Trotzdem solidarisierte er sich mit dem 1995 angeklagten kurdischen Autor Yasar Kemal und verteidigte Salman Rushdies "Satanische Verse". Als er öffentlich erklärte, in der Türkei seien Anfang des Jahrhunderts eine Million Armenier ermordet worden, wurde er vor Gericht gestellt. Heute, am 7. Juni, wird der Literat, der zwischen Ost und West pendelt, 60 Jahre alt.
Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren und wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf. Sein Großvater, ein Diplom-Ingenieur, war einer der ersten Fabrikanten in der Türkei. Sein Vater versuchte sich in den 1940er Jahren wenig erfolgreich als Schriftsteller. Zunächst wollte Pamuk Maler werden, studierte dann aber Architektur und Journalismus, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. In den 1980er Jahren hielt er sich für ein paar Jahre in den USA auf und war Gastdozent an der New Yorker Columbia University. Heute lebt er abwechselnd in New York und Istanbul – als Hommage an seine Heimatstadt veröffentlichte er 2003 das Buch "Istanbul" (deutsche Übersetzung 2006).
Seit vielen Jahren schon zählt er zu den bedeutendsten Schriftstellern der Türkei – auch wenn er über die Grenzen seines Landes hinaus lange Zeit nur Insidern bekannt war. Dies änderte sich spätestens mit seinem Roman "Schnee", der Anfang 2005 in deutscher Übersetzung erschien. In der "New York Times" wurde das Werk als bestes ausländisches Buch gewürdigt. In dem Roman geht es - eingebettet in eine Krimi-Handlung – um die Verzweiflung vieler junger Frauen in der anatolischen Provinzstadt Kars, die gezwungen werden, an der Universität ihr Kopftuch abzulegen.
"Schnee" – Pamuk beendete seine Arbeit an dem Buch zwei Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001 – greift den Konflikt in der Türkei zwischen Islamisierung und Annäherung an den Westen auf. Zwischen zwei Polen bewegt sich auch Pamuk: Als "Brückenbauer" zwischen Ost und West wird er gerne bezeichnet – ein Etikett, das er selbst nur widerwillig akzeptierte. "Ich habe diese Funktion nie abgelehnt, aber es ist nicht meine eigentliche Arbeit", sagte er einmal.
2005 erhielt Pamuk den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, ein Jahr später wurde er mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Die Auszeichnung wurde damals auch verstanden als Signal für Meinungsfreiheit, denn Pamuk war ins Visier der Justiz geraten: Im Februar 2005 hatte er in einem Interview des Züricher "Tagesanzeigers" gesagt: "30.000 Kurden und eine Million Armenier wurden in diesem Land getötet und niemand außer mir wagt es, darüber zu sprechen" – ein Hinweis auf die Verfolgung der Armenier in der Türkei von 1915 bis 1923 und die Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Türken.
Gegen ihn wurde daraufhin wegen Herabsetzung beziehungsweise Beschädigung der türkischen Identität ein Verfahren eingeleitet, das Anfang 2006 eingestellt wurde. Es hatte international Proteste gehagelt. Für Pamuk hatte sich unter anderem Bundestagspräsident Norbert Lammert eingesetzt.
Eine Lesereise nach Deutschland verschob Pamuk Anfang 2007 - offenbar aus aus Sicherheitsgründen – um einige Monate: Kurz zuvor war sein Freund, der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink, in Istanbul ermordet worden, Pamuk wurde bedroht. Im Mai 2007 reiste er dann unter anderem nach Hamburg und Berlin, wo er mit der Ehrendoktorwürde der Freien Universität ausgezeichnet wurde.
2008 erschien sein Roman "Das Museum der Unschuld", der auch in Deutschland ein großer Erfolg wurde. Das Buch ist inzwischen in einem wirklichen Museum visualisiert worden – die Geschichte handelt von einer unglücklichen Liebe, der Mann sammelt Dinge, die ihn an die Geliebte erinnern. Solche Gegenstände hat Pamuk gesammelt, und sie werden in seinem im Frühjahr 2012 eröffneten Museum im Istanbuler Stadtteil Cucurcuma ausgestellt. Schon beim Schreiben des Romans, so bekannte Pamuk, habe er die Idee gehabt, tatsächlich ein Museum mit Alltagsobjekten zu eröffnen. Das Buch "Die Unschuld der Dinge", das im Herbst auf Deutsch erscheint, ist eine Beschreibung dieser Gegenstände, die er über Jahrzehnte zusammengetragen hat.
(dapd)
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