Foto: Thilo Gehrke
Im Morgengrauen, als wir aufbrechen zu den Salzfeldern nördlich von Nha Trang, ist der Strand schwarz vor Menschen, die den Tag mit einem Bad im Südchinesischen Meer beginnen. Morgens zwischen fünf und acht Uhr und in der Dämmerung, wenn die sengende Sonne pausiert, pulsiert das Leben in der Öffentlichkeit in Vietnam. Straßen und Plätze sind in Volksfeststimmung dicht bevölkert, da die sommerliche Hitze am Tag mit hoher Luftfeuchtigkeit jede Bewegung zur Qual werden lässt.
Auf dem Rückweg von der Saline, deren Arbeiterinnen sich mit schwerer Arbeit in der sengenden Hitze des reflektierenden Salzkristalls ihren kargen Lohn von drei Euro am Tag erkämpfen, stoppen wir an einem kleinen Hafen. Dschunken landen ihren nächtlichen Fang an. Das ohrenbetäubende Geknatter der Eiszerhackermaschinen scheint der Taktgeber für die Szene der fieberhaft wuselnden Fischer und Marktfrauen zu sein. Ihre wettergegerbten Gesichter lassen die Lebensumstände der einfachen Bevölkerung erahnen.
Zurück in der boomenden Hafenstadt Nha Trang, wo in den letzten Jahren die Ursprünglichkeit des niedrigen Kolonialbaustils der profitorientierten Stadtentwicklung weichen musste, durchquere ich einen Stadtteil, der, weil am Wasser gelegen, eine Aufwertung erfährt. Die kleinen alten Häuser der Fischer weichen für neue Hotels und Bürohochhäuser.
Auch Saigon, nach dem Einmarsch der Nordvietnamesischen Volksbefreiungsarmee in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt, hat den Blick nach vorn gerichtet und trägt maßgeblich zu Vietnams boomender Wirtschaft bei. Der brodelnde Betonmoloch wächst maßgeblich mit Investitionsgeldern des Klassenfeindes aus Korea oder dem westlichen Ausland. Amerikanische Hotelketten und Banken betonieren ihre Wolkenkratzer in die historische Altstadt. Eine kleine Brauerei im Art-Deco-Stil verfällt neben dem neuen 23-stöckigen Renaissance Riverside Hotel am Saigon River und wurde bereits zum Spielball geschäftstüchtiger Immobilienspekulanten.
Foto: Thilo Gehrke
Beim Wirtschaftsdinner in dem Hotel unter deutscher Leitung haben wir Gelegenheit zum Austausch mit vietnamesischen Funktionären und deutschen Geschäftsleuten. Dabei wird verständlich, dass der dogmatische Sozialismus der DDR oder Nordkoreas keine Überlebensgarantie in der neuen Zeit darstellt. Nirgendwo in Asien vollziehen sich zur Zeit dergestalt spannende Entwicklungen so rasch und gleichzeitig so geräuschlos wie in Vietnam. Die Menschen setzen alles auf die Zukunft. Der Pulsschlag am Mekong und am Roten Fluss pendelt zwischen tausendjährigen Traditionen und einem fieberhaften Aufbruch, zwischen westlichem Markt und kommunistischer Funktionärswirtschaft, zwischen Onkel Tom und Onkel Ho.
Seit Beginn der “Doi Moi“ (wirtschaftliche Öffnung) genannten Hinwendung zur kapitalistischen Marktwirtschaft 1986 hat die “Sozialistische Republik Vietnam“ eine grundlegende soziale Veränderung durchgemacht. In Saigon wird zwar der Hafen für Kreuzfahrtschiffe ausgebaut, die Infrastruktur, die den wachsenden Verkehr und die Abwässer der wachsenden Millionenstadt schlucken soll, wächst jedoch nicht mit. In den Kanälen Saigons fließt schwarzes fauliges Wasser und türmt sich der Müll. Ein paar Meter vom Riverside Hotel entfernt haust eine fünfköpfige Familie unter einer Brücke in einem Holzverschlag. Als sanitäre Einrichtung dient der Saigon River.
Foto: Thilo Gehrke
Obwohl über fünf Millionen Vietnamesen im Krieg durch US-Waffen umkamen, haben die USA und Vietnam ein Wirtschaftsagreement gefunden, in dem es zumindest bei den Funktionären nur Gewinner zu geben scheint.
„Die Vietnamesen sind nicht nachtragend“, sagt Frau Phung Phong Lan, Sprecherin der deutschen BHF-Bank in Saigon in exzellentem Deutsch. Sie studierte einst in Leipzig und empfindet keinerlei wahrnehmbare Beschränkung durch die KP (Kommunistische Partei).
Später am Abend, die Funktionäre sind längst fort, kommen uns vom Nachbartisch unbeteiligter ausländischer Geschäftsleute ganz andere Wahrnehmungen zu Ohren: die KP wirke im Hintergrund, unliebsame Äußerungen würden über Visa-Entzug geahndet, Menschen verschwänden, Kommunismus sei käuflich, heißt es da hinter vorgehaltener Hand.
Überall, selbst am Badestrand, begegnen einem kommunistische Parolen und Stellwände mit Ho Chi Minh inmitten glücklicher uniformierter Kinder und Soldaten im stalinistischen Stil neben McDonald´s und Hilton Werbung. Selbst in Hanoi, dem Sitz der kommunistischen Regierung im Norden des Landes scheint Ho Chi Minhs Konterfei unter dem roten Stern neben seinem scheinbar amerikanischen Ebenbild in Form des amerikanischen Kentucky Fried Chicken (KFC) Fastfood-Company-Gründers Colonel Sanders kein Widerspruch zu sein. So drängt sich die Erkenntnis auf, dass die KP nur noch als Kontroll- und Machtinstrument fungiert und ihre Ideale längst verkauft hat.
Obwohl in Hanoi, bis vor kurzem „die Stadt der leisen Fahrradfahrer“, ein ähnlich chaotischer Verkehr wie in Saigon tobt , findet man hier noch eine ursprüngliche Altstadt vor mit Pagoden, umgeben von Seen, die Ruhe ausstrahlen. Die Fahrrad- und Rikschafahrer sind auch hier längst auf das Mofa umgestiegen. Im Sommer steigt wegen des Wassers die Luftfeuchtigkeit, die Hitze ist noch drückender als in Saigon. Ein Ausflug in die nahe gelegene Ha Long Bucht mit ihren bizarren Felsformationen im Meer oder in die Berge von Sapa mit den faszinierenden Reisterrassen sind dann empfehlenswert. Im Winter herrscht in Hanoi jedoch im Gegensatz zum Süden frühlingshaftes Klima, das man im Sommer nur in den Bergen ab 1500 Metern aufwärts findet.
Foto: Thilo Gehrke
Am Tag der Abreise sitze ich als einziger Tourist unter Einheimischen in einer Eckkneipe in Hanois Altstadt. Das Bier kommt aus einem Schlauch aus der Wand. Der Abschied fällt mir schwer, denn ich empfinde Hochachtung vor der freundlichen und duldsamen asiatischen Wesensart, dem Pragmatismus und der Zähigkeit, selbst unter der Jahrhunderte währenden Fremdherrschaft unter wirtschaftlicher Not zu überleben. Nur mit dieser nationalen Solidarität und Selbstachtung konnten die Vietnamesen den Krieg mit den USA bestehen.
Auf dem Weg zum Flughafen passiere ich mit dem Taxi den riesigen Platz vor dem Ho-Chi-Minh-Mausoleum im Regierungsbezirk Hanois. Wo Stunden vorher kein Mensch zu sehen war, sind nun in der Dunkelheit Tausende beim Picknick oder Ballspielen zu beobachten. Am Rande der Stadt sehe ich ein luxuriöses Appartementviertel. Es ist ummauert und hat ein bewachtes Tor. Über dem Tor steht auf Englisch „Paradise Garden Village“. Ein Ghetto für Reiche in einem Land, in dem doch alle gleich viel haben sollten. Wenn das Onkel Ho wüsste.
Der Autor Thilo Gehrke war als Mitglied einer Reisegruppe im Juni 2010 Gast von ONE WORLD Reisen. ONE WORLD ist Mitglied im "Forum Anders Reisen", dem Verein zur Förderung sozial- und umweltverträglichen Reisens.
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