Hamburg – Die Bundesbürger sehen die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland mit großer Skepsis. Etwa 86 Prozent haben erhebliche Zweifel, dass die Renten auch in Zukunft gesichert sind, wie eine am Montag in Hamburg veröffentliche Studie der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen ergab. Rund 85 Prozent der 2.000 Befragten erwarten aber von einem Sozialstaat, dass sie auch bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und im Alter ein gutes Auskommen haben.
Bisher fehlen nach Ansicht von 87 Prozent der Bundesbürger jedoch mittel- und langfristige Lösungsansätze, die über Legislaturperioden hinaus reichen und auch künftigen Generationen ein ausreichendes Versorgungsniveau sichern. Der Staat müsse zur Absicherung der allgemeinen Lebensrisiken und zur Vermeidung von Altersarmut allen Bürgern das Notwendige ermöglichen. Eine deutliche Mehrheit spricht sich darum für eine staatlich garantierte Existenzsicherung aus.
Empfohlen wird langfristig die Einführung eines minimalen Existenzgeldes (Minimex) für alle, das rechtsstaatliche Prinzipien wie Fürsorge, Grundversorgung und soziale Gerechtigkeit sicherstellt. Andernfalls gehen fast zwei Drittel der Bevölkerung davon aus, dass in naher Zukunft der soziale Frieden gefährdet ist. Das Niveau des minimales Existenzgeldes bewegt sich aus Sicht der Bevölkerung bei bis zu 580 Euro im Monat.
„Die Sicherung des Lebensstandards ist die existenzielle Sorge der Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“, sagte der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Horst W. Opaschowski: „Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist inzwischen auch für breite Mittelschichten mehrheitsfähig geworden.“
Nur noch für 40 Prozent der Deutschen ist der Studie zufolge die eigene Erwerbstätigkeit die wichtigste Quelle für den Unterhalt. Die übrigen 60 Prozent bekommen demnach Sozial- und Arbeitslosenhilfe, beziehen Rente oder werden von der eigenen Familie und ihren Angehörigen unterstützt: „Eine 40-zu-60-Gesellschaft, in der vier Beschäftigte sechs Nichterwerbstätige finanzieren, ist in Deutschland Wirklichkeit geworden“, sagte Opaschowski.
Fast jeder dritte Bundesbürger hat laut der Umfrage schon heute Angst, im Alter in der Sozialhilfe zu landen. Die größten Zukunftsängste (41 Prozent) hat in dieser Hinsicht die mittlere Generation, die befürchtet, im Alter zum Sozialfall zu werden, weil dann ihre Beitragszahlungen bereits ausgegeben sind.
Falls keine weitreichenden Reformen eingeleitet würden, fürchtet jeder zweite Bundesbürger die Gefahren der Armut, die sogar höher eingeschätzt werden als die des Terrorismus oder durch Umweltbelastungen verursachte Probleme. Bei ihren Zukunftswünschen stellen 75 Prozent der Bundesbürger die soziale Gerechtigkeit an die erste Stelle. (AP)