Wiesbaden – Die Statistik spricht eine deutliche Sprache, doch die Konsequenzen kennt niemand: Zum vierten Mal in Folge ist die Einwohnerzahl im vergangenen Jahr zurückgegangen. Am Jahresende lebten in Deutschland 130.000 Menschen weniger als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt schätzt. Damit gab es 2006 den stärksten Bevölkerungsrückgang seit Beginn der Statistik im Jahr nach der Wiedervereinigung.
Setzt sich dieser Trend fort, wird Deutschland 2050 nur noch von 69 bis 74 Millionen bewohnt. Der Bevölkerungsstand würde dann sogar hinter den des Jahres 1963 (gut 74 Millionen) zurückfallen, wie es in der Hochrechnung des Bundesamts heißt. In der deutschen Bevölkerung würde es dann doppelt so viele 60-Jährige wie Neugeborene geben.
Vom Horrorszenario eines immer dünner besiedelten und schließlich fast entvölkerten Landes wollen die amtlichen Statistiker trotzdem nichts hören: „Jede Vorausberechnung beruht auf vielen Annahmen und Bedingungen“, erklärt Reinhold Zahn vom Bundesamt. Theoretisch könne eine Trendumkehr bei den Geburten oder der Zuwanderung die 45-Jahres-Prognose völlig über den Haufen werfen.
Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch, dass die Deutschen zuletzt immer schneller immer weniger wurden. In der ersten Hälfte der 90er Jahre sah das noch ganz anders aus: Zuwanderungsbedingt wuchs die Bevölkerung allein im Jahr 1991 um 500.000 und 1992 sogar um 700.000 Menschen. Doch seit 2003 verzeichneten die Statistiker Rückgänge um 5.000, 31.000, 63.000 und nun gar um 130.000 Menschen.
Gerade beim so genannten Wanderungssaldo – der Bilanz der grenzübergreifenden Zu- und Wegzüge – spricht das Statistische Bundesamt inzwischen von einem regelrechten Einbruch: „Seit 2001 ist das Zuwanderungsplus um eine Viertelmillion geschrumpft“, sagt Statistiker Zahn. Zuletzt registrierten er und seine Kollegen nur noch einen Überhang von 20.000 bis 30.000; vor fünf Jahren hatte es bei der Wanderung noch ein sattes Plus von 273.000 Menschen gegeben.
Allerdings könne niemand vorhersagen, ob sich diese Abwärtsentwicklung fortsetze: „Dieser Trend könnte sich von heute auf morgen kolossal verändern“, ist Zahn überzeugt. „Nehmen wir an, es bricht irgendwo ein Krieg aus – wie vor 15 Jahren in Jugoslawien: In so einem Fall könnte innerhalb kurzer Zeit viele Menschen nach Deutschland kommen, die sonst niemals in der Zuwanderer-Statistik aufgetaucht wären.“
Doch selbst, wenn es – etwa auf Grund von Flüchtlingsbewegungen oder einer neuen Zuwanderungsregelung – zu deutlich mehr Einwanderung käme: „Das, was in der Vergangenheit versäumt wurde, ließe sich auch dann nicht so einfach ausgleichen“, sagt Zahn. Zwar genügten rein rechnerisch 2,1 Geburten pro Frau, damit sich eine Bevölkerung reproduziere. Seit dem „Pillenknick“ im Jahr 1972 sei die Zahl der Geburten und damit auch die der potenziellen Mütter jedoch nahezu kontinuierlich zurückgegangen. „Die relativ wenigen jungen Frauen müssten also weit mehr als 2,1 Kinder bekommen, um für eine ausgeglichene Bilanz zu sorgen.“ Tatsächlich liegt die deutsche Geburtenrate bei 1,4, während Irland und Frankreich der statistisch bedeutenden Rate von 2,1 Kindern pro Frau recht nahe kommen.
Über die langfristigen Auswirkungen des Bevölkerungsrückgangs wird kontrovers diskutiert: Falls keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden, drohe der Verlust von Billionenwerten, warnte kürzlich das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Eine schrumpfende Bevölkerung mindert das Wachstum und damit die Chancen künftiger Generationen“, sagte der Chef des wirtschaftsnahen Instituts, Michael Hüther. Um einem gewaltigen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts vorzubeugen, sei eine am Bevölkerungswachstum orientierte Familienpolitik nötig.
Der Demographie-Experte Gerd Bosbach warnt hingegen vor Panik: Bleibe die Geburtenrate auf dem heutigen Stand, dann lebten 2050 mit 75 Millionen nur knapp 10 Prozent weniger Menschen in Deutschland als heute, „wo wir eines der am dichtesten besiedelten Länder Europas sind“. Im Übrigen bedeuteten eine höhere Zahl von Rentnern und weniger Heranwachsende nicht automatisch einen Kollaps der Sozialsysteme. Schwerwiegendere Auswirkungen habe die hohe Arbeitslosigkeit. Außerdem sei es sinnlos, lediglich mehr Kinder zu fordern: „Denn bereits jetzt haben wir den Bildungsnotstand. Die Versorger von Morgen müssen aber erst einmal ausgebildet werden, und dazu müsste man etwa in Bildung investieren.“
(AP)
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