Aktuelle Nachrichten – Sport
05.06.2012
Foto: Nigel Treblin/dapd Photo
Nachrodt-Wiblingwerde – Beim Namen "Lübold 600" dürften Fußballer nicht unbedingt aufhorchen. Und doch werden sie es in den nächsten Wochen hin und wieder tun müssen: Denn bei der Europameisterschaft wird mancher Kicker mit dieser neuen Schiedsrichter-Pfeife zurückgepfiffen werden. Entwickelt hat sie der nach eigenen Angaben bundesweit einzige verbliebene Hersteller von Signal- und Trillerpfeifen, die Firma MBZ Obernahmer im sauerländischen Nachrodt-Wiblingwerde.
Verkaufsleiter Heinz Liebold führt das pechschwarze Plastikmodell vor. Er holt kräftig Luft, setzt die Trillerpfeife an die Lippen und bläst: Die "Lübold 600" Trillerpfeife klingt unüberhörbar überzeugend – nicht zuletzt, weil sie drei Kammern hat und damit gleich drei eng aneinander liegende Töne produziert. "Der Schall wird deshalb als unangenehm empfunden", sagt Liebold.
Offizieller Lieferant für die EM ist MBZ aber nicht. "Drei der 16 EM-Schiedsrichter haben fest zugesagt, unsere Trillerpfeife zu nutzen. Die waren begeistert", sagt Liebold. Die anderen setzen auf die Modell-Konkurrenz insbesondere aus Kanada und den USA.
Liebold nimmt den Wettbewerb gelassen, denn Schiedsrichter-Trillerpfeifen stellen für den kleinen Metallwarenbetrieb mit nicht einmal zehn Mitarbeitern nur einen Teil der Produktion dar. Die Firma kann auf eine langjährig gewachsene Kundschaft zurückgreifen und produziert nach eigenen Angaben bis zu 300.000 Pfeifen pro Jahr, verteilt auf durchschnittlich 30 Modelltypen.
Ob Bundeswehr, Polizei, Feuerwehr, Strafvollzug sowie die Deutsche und Schweizer Bundesbahn: Sie alle greifen auf Metall- oder Plastikpfeifen aus der sauerländischen Produktion zurück - überwiegend aus Tradition. Denn die Firma MBZ setzt die Markengeschichte der ehemals in Lüdenscheid beheimateten Firma Lübold von der Crone fort, die bereits seit 1923 Triller- und Signalpfeifen herstellt.
Die zum Teil aus den 1930er Jahren stammenden Werkzeuge und Maschinen für die Herstellung von Metallpfeifen wurden ebenfalls übernommen und kommen weiter zum Einsatz. "Im Grunde hat sich an der Fertigung nichts geändert", erläutert Liebold. Für Pfeifen aus Metall wird Messing ausgestanzt, dann werden die einzelnen Bauteile zurechtgebogen und verlötet, verchromt, poliert und mit einer Gravur versehen – alles in aufwendiger Handarbeit.
Die Feinarbeit für jedes Modell ist eine Wissenschaft für sich: "Eine Pfeife ist ein Musikinstrument. Jeder Pfeifentyp hat seine eigene, offiziell festgelegte Frequenz", sagt Liebold. Eine Schaffner-Pfeife klinge deshalb anders als eine Warn-Trillerpfeife für den Rangierbetrieb oder eine für einen Bootsmann auf einem Schiffsdeck.
Demnächst sind die Pfeifen aus dem Sauerland sogar am Hindukusch zu hören. Über die Bundeswehr vermittelt, fertigt MBZ Messing-Pfeifen für die afghanische Polizei. Das entsprechende Modell habe allerdings einen fachfremden Hintergrund, sagt Liebold: "Es ist eine Dreiton-Trillerpfeife, die eigentlich für den Schwimm- und Volleyball-Sport entwickelt wurde, nicht für den Fußball."
(dapd)
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