Berlin - Zehn Tage im Februar begibt sich die Politik in Berlin in eine Nebenrolle, denn die Hauptrolle übernimmt dann die Berlinale. Das größte jährliche Filmereignis in Deutschland findet diesmal vom 9. bis zum 19. Februar statt. Zwar startet das Kulturereignis mit dem amerikanischen Drama «Snow Cake» im Berlinale Palast am Postdamer Platz. Doch unter den 19 Filmen im Wettbewerb um die Goldenen und Silbernen Bären sind 2006 nicht weniger als vier deutsche Beiträge. Auch sonst sind neue einheimische Produktionen zahlreich zu sehen.
Während der zehn Tage des Festivals, das im 56. Jahr stattfindet, werden insgesamt 360 Filme in den verschiedenen Reihen vorgeführt, darunter 75 Kurzfilme. 55 Streifen stammen aus Deutschland. Fast 3.800 Journalisten aus aller Welt und 18.000 Fachbesucher können sich dann selbst ein Urteil bilden, ob es mit dem deutschen Film weiter bergauf geht. Besonders gespannt darf man gespannt sein auf Oskar Roehlers Wettbewerbsbeitrag «Elementarteilchen». In der Kinoversion des Romans von Michel Houellebecq spielen jedenfalls fast alle mit, die hier zu Lande derzeit Rang und Namen haben.
Aber auch mit Mathias Glasners fast dreistündigem Werk «Der freie Wille» und Hans-Christian Schmids «Requiem», beide ebenfalls im Wettbewerb zu sehen, verbinden sich hohe Erwartungen. Außenseiter unter den deutschen Beiträgen ist dagegen «Sehnsucht» von Valeska Grisebach. Aber gerade Außenseiter haben in Berlin schon oft angenehm überrascht. Es ist allerdings ein herber Verlust, dass dort nicht der mit vier Bayerischen Filmpreisen ausgezeichnete Debütfilm «Das Leben der anderen» von Florian Henckel von Donnersmarck läuft. Dieses in der ehemaligen DDR spielende Drama ist großes Kino mit hervorragenden internationalen Marktchancen.
Unter den ausländischen Filmen im Rennen um die Bären sind neue Produktionen bekannter Regisseure wie Robert Altman und Sidney Lumet (beide USA), Claude Chabrol (Frankreich) und Michael Winterbottom (Großbritannien). Leider nur außer Konkurrenz laufen beeindruckende Filme wie «Capote» (USA) mit Oscar-Favorit Philip Seymour Hoffman in der Titelrolle sowie «Wuji», das in China gefeierte neue Werk von Meisterregisseur Chen Kaige. Lang ist die Liste prominenter Stars, die an der Spree ihre Visitenkarte abgeben werden: Hollywood schickt George Clooney, Meryl Streep und Sigourney Weaver, Frankreich präsentiert Isabelle Huppert.
Auch der derzeit vielbeschäftigte Australier Heath Ledger kommt, dazu natürlich die gesamte Riege einheimischer Stars wie Martina Gedeck und Moritz Bleibtreu. Festival-Direktor Dieter Kosslick, der nach eigener Aussage «im vergangenen halben Jahr etwa 300 Filme angeschaut» hat, erkennt eine Tendenz: «Generell bewegen sich die meisten Filme sehr nah an der Realität. Damit werden Filme wieder politischer.» Erfreulich unpolitisch hingegen wird es in der diesjährigen Retrospektive der Berlinale zugehen, die folgenden Schwerpunkt hat: «Traumfrauen. Stars der fünfziger Jahre.»
Wolfgang Hübner
© 2006 The Associated Press. Alle Rechte Vorbehalten - All Rights Reserved