Aktuelle Nachrichten – Deutschland
17.04.2010
Ober-Hambach (apn) „Es haben alle gewusst, definitiv“, sagt Quintus von Tiedemann, der in den 70er-Jahren die Odenwaldschule besuchte. Bis heute sei niemand bereit, Verantwortung zu übernehmen, beklagt die Moderatorin und Schriftstellerin Amelie Fried. Gemeinsam mit anderen ehemaligen Schülern kämpfen die beiden für eine Aufarbeitung der sexuellen Missbrauchsfälle an der südhessischen Eliteschule. Nach Jahren der Vertuschung bemüht sich darum nun auch die Schulleitung.
Es stand für moderne Pädagogik und ganzheitliche Erziehung. Das idyllisch zwischen bewaldeten Berghängen gelegene Internat galt als Vorzeigemodell. Nun hat die Odenwaldschule Geburtstag. Aber gefeiert wird nur vorsichtig. Stattdessen steht Schadensbegrenzung auf dem Festprogramm. Denn im Skandal um sexuellen Missbrauch gelangen immer neue Details in die Öffentlichkeit.
Ehemalige Schüler hatten darauf gedrängt, die dunkle Seite der Schulgeschichte beim großen Jubiläum nicht einfach außen vor zu lassen. In der aktuellen Schulleiterin fanden sie eine Fürsprecherin: Margarita Kaufmann hat lückenlose Aufklärung versprochen. Vor einer Ausstellungseröffnung zur Geschichte der Schule wurde am Freitag in Ober-Hambach eine Podiumsdiskussion veranstaltet: „Die Odenwaldschule stellt sich: Leben und Lernen nach dem Missbrauch.“ Im Theatersaal der Schule wurde darüber gesprochen, was schief gelaufen ist und wie die bekannt gewordenen Übergriffe aufgearbeitet werden sollen.
„'Der Becker der Becker, der findet Jungens lecker', das wurde hier gesungen“, erinnert sich Thomas Bockelmann. Becker heißt mit Vornamen Gerold und war über viele Jahre der Leiter der Odenwaldschule. Bockelmann war sein Schüler. Er kannte die Gerüchte, aber was genau da passierte, sei ihm damals nicht klar gewesen. „Wir hatten keine Ahnung, dass sich hinter den Witzeleien solche Dramen verbargen“, sagt auch Amelie Fried. Für von Tiedemann, der zwar nicht missbraucht wurde, aber lange Zeit Annäherungsversuche erdulden musste, waren es nicht nur Gerüchte. Betroffene seien als schwul gemobbt worden. Als er in einem Fall die Hilfe eines anderen Lehrers suchte, sei nichts geschehen. Die ehemaligen Schüler sehen die Schule daher nun in der Bringschuld. „Wie ernst ist es mit dem Neuanfang?“, fragt Amelie Fried im übervollen Theatersaal.
„Wir bitten um Entschuldigung für die Fehler, die wir nicht gewollt, aber doch gemacht haben“, sagte Schulleiterin Kaufmann bezüglich der als unzureichend kritisierten Maßnahmen zur Aufarbeitung des Skandals. Sie mahnte jedoch, im Blick zu halten, dass die Odenwaldschule nur der Tatort gewesen sei und nicht der Täter. Die zuständige Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt bisher gegen zehn Personen. Gegen Beckers Nachfolger wird wegen Verdachts der Strafvereitelung ermittelt. Zwei Personen, gegen die zunächst ermittelt wurde, sind nach Angaben der Behörde bereits verstorben.
Der ehemalige Schulleiter Becker galt nicht nur als Lichtgestalt der Reformpädagogik, er soll bei seinen Schülern auch beliebt gewesen sein. Die Enthüllungen über seine Schattenseiten waren für viele daher ein Schock. Eine Erklärung für den scheinbaren Widerspruch lieferte am Freitag Julia von Weiler von der Organisation „Innocence in Danger“: „Täter sind in aller Regel gute Pädagogen. Sie müssen sich ein Umfeld schaffen, in dem sie tun können, was sie tun wollen.“ Ex-Schüler Bockelmann wies zudem auf eine weitere Dimension der sexuellen Verbrechen hin. Die Eliteschule habe sich immer damit geschmückt, auch Kinder aus unstabilen Verhältnissen als Stipendiaten aufzunehmen. „Ich habe starken Anlass zu dem Verdacht, dass gerade diese Kinder überproportional Opfer von Missbrauch wurden. Das ist, finde ich, der unappetitlichste Aspekt.“
Die Odenwaldschule war 1963 zur UNESCO-Modellschule für Reformpädagogik ernannt worden. Zu den ehemaligen Schülern gehören namhafte Persönlichkeiten wie der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und ein Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Erste Vorwürfe gegen Becker, der von 1971 bis 1985 im Amt war, waren vor gut zehn Jahren publik geworden, wurden aber wegen Verjährung nicht weiter verfolgt. Nachdem erneute Berichte über die sexuellen Übergriffe im März durch die Medien gegangen waren, hatten sich über Ostern weitere Missbrauchsopfer bei der Schulleitung gemeldet. „Das Ausmaß der Vergehen macht uns fassungslos und sprachlos“, hatte Schulleiterin Kaufmann im März in einem offenen Brief an die Altschüler geschrieben. (AP)
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