Granada/Spanien – Verborgene Schlupfwinkel, unüberwindbare Mauern, kunstvolle Inschriften – die Alhambra auf einem Hügel von Granada in Spanien gilt als Europas Kronjuwel der muslimischen Architektur. Spanische Forscher wollen die mittelalterliche Geschichte dieser Stadtburg der Öffentlichkeit nun über einen einfachen Mausklick zugänglich machen. Jede einzelne Schnitzerei – geschätzte 10.000 sind es insgesamt – soll dabei übersetzt und katalogisiert werden. Diesen Monat haben die Wissenschaftler erste Ergebnisse vorgestellt.
„Es ist kaum zu glauben, dass das noch niemand vor uns gemacht hat“, sagt Juan Castilla, Leiter der Forschungsgruppe, der Nachrichtenagentur AP. Der Traum, die Inschriften der maurischen Zitadelle zu verstehen und festzuhalten, reicht bis zum Königspaar Ferdinand und Isabella zurück. Deren Truppen eroberten Granada 1492, vertrieben die Sultane und beendeten damit die fast 800-jährige muslimische Herrschaft in weiten Teilen Spaniens.
Der spanische Königshof engagierte sofort Übersetzer, um die Inschriften auf den Gebäuden dieser prunkvollen Stadt in Südspanien zu entziffern. Die Ergebnisse sind über die Jahre verloren gegangen. Später wurden nur noch bestimmte Aspekte der Inschrift betrachtet. Heute sind einige Inschriften aufgrund des täglichen Verfalls bereits unleserlich. „Würde eine Naturkatastrophe wie ein Erdbeben spaniens meistbesuchtes Touristengebiebt – mit 2,2 Millionen Besucher pro Jahr – heimsuchen, der Verlust wäre unermesslich“, befürchtet Castilla.
„Im 21. Jahrhundert muss es möglich sein, die Inschriften zu entziffern und zu deuten“, fordert der Wissenschaftler. Während einer dreistündigen Tour durch die Alhambra entdeckt er in jeder denkbaren Ecke des Komplexes Inschriften – vom Fußboden bis zur Decke und wieder zurück, auf Säulen und Brunnen. Manche Schnitzereien sind so verworren, dass sie für ein untrainiertes Auge wie ausgeklügelte Zeichnungen aussehen. Bislang ist etwa ein Drittel der Inschriften auf einer interaktiven CD versammelt. Wenn das Projekt 2011 abgeschlossen ist, soll eine Auswahl des Materials im Internet veröffentlicht werden.
Castilla arbeitet für den spanischen Forschungsrat. Er lebte einige Zeit im Irak und in Ägypten, wo er arabisch lernte. Es sei sogar für arabische Muttersprachler extrem schwer, die Inschriften zu verstehen, da manche Zeichen in einer veralteten Schrift namens Kufic geschrieben sind.
Mansour al Marzouqui, ein 16-jähriger Tourist aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, nannte die Herausforderung schwer, aber nicht unmöglich: „Man kann es nicht beim ersten Anlauf verstehen. Man muss wirklich genau hinsehen.“ Über Jahrhunderte herrschte die vorwiegende Meinung, dass die meisten Inschriften Strophen aus dem Koran oder Gedichte sind.
Aber warum gibt es eigentlich so viele Inschriften? Castilla erklärt es so: Zum einen wollte der Sultan von Alhambra einen Beweis seiner Anwesenheit hinterlassen. Außerdem bekräftigen solche Schriftzeichen den Glauben an Gott und sie dienten schlicht zur Dekoration. Der Islam verurteilt jede Art von figürlicher Kunst.
Andere Inschriften bestehen aus einzelnen Wörtern wie „Glück“ oder „Segen“ und sollten Glück und Segen für den jeweiligen Raum oder den regierenden Sultan von Gott erflehen. Die Gedichte reichen von ein paar Strophen bis hin zu langen Stücken. Eines ist sogar 25 Meter lang und läuft über alle vier Wände eines Zimmers. Es wurde verfasst, um die Beschneidung des Sultan-Sohnes zu feiern. Castilla beeindruckt vor allem die Präsentation: „Wenn Sie die Alhambra durchlaufen, wirkt es so, als würden Sie einen Gedichtband öffnen und die einzelnen Seiten umschlagen.“ (AP)
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