Aktuelle Nachrichten – Feuilleton
02.08.2012
Foto: Thomas Wieck/dapd
Worms – Bei den Nibelungen-Festspielen in Worms präsentiert Intendant Dieter Wedel eine völlig neue Fassung des Vorjahreserfolgs "Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer genannt Jud Süß". In dem Stück, das am Freitag (3. August) Premiere feiert, geht es unter anderem um Antisemitismus und politische Machenschaften. Mit Wedel sprach dapd-Korrespondentin Karin Düchs über die aktuelle Inszenierung und seine Pläne für die Zukunft.
dapd: Erwartet die Besucher, die "Jud Süß" schon im vergangenen Jahr gesehen haben, etwas Neues?
Dieter Wedel: Die Figuren sind, glaube ich, wesentlich widersprüchlicher als im vergangenen Jahr. Wir haben sehr viele aktuelle Beobachtungen eingearbeitet: zum Beispiel, dass der braune Sumpf doch wesentlich breiter und tiefer ist, als wir alle vermutet haben. Auf der anderen Seite, dass eine Krise, die immer wieder überwunden scheint, immer wiederkehrt und eigentlich von Woche zu Woche bedrohlicher wird. Und natürlich das Wissen, dass ökonomische Verwerfungen das System gefährden; deshalb spielt das Stück auch jetzt um 1930. 1931 gab es die Bankenkrise, danach brach die Weltwirtschaft zusammen und danach waren Demokratien, erst in Deutschland, dann in Rest-Europa, beseitigt. Dass das immer wieder passieren kann, das muss man, glaube ich, klar machen.
dapd: Sie fordern ihr Publikum mächtig, die Zeitsprünge, parallel laufende Szenen…
Wedel: Ich glaube, man soll das Publikum nicht unterschätzen. Ich habe den Eindruck, dass es manchmal maßlos unterschätzt wird. Man kann die Leute schon fordern. Wir wollen unterhalten – nicht zerstreuen, Zusammenhänge und menschliches Verhalten erklären. Warum soll es heute nicht mal wieder eine Art politisches Theater geben? Letztlich haben wir auch bei den "Nibelungen" versucht, immer wieder bewusst zu machen: Das spielt nicht irgendwo im fernen Mittelalter, das könnte auch heute sein. Siegfried, der sich für unverwundbar hält und dessen Verwundbarkeit an einer ganz kleinen Stelle plötzlich doch entdeckt wird – diesem Siegfried begegnen wir doch Jahr für Jahr, wenn plötzlich einer stürzt: ob er Guttenberg heißt oder Zumwinkel oder Mappus.
dapd: Dreh- und Angelpunkt der Stücke bleibt Worms. Was könnte es da noch für Stoffe geben? Luther? Wieder die Nibelungen?
Wedel: Ja, Luther. Er ist doch immer noch die nachhaltigste Figur der Deutschen. Aber: Luther ist nicht darstellbar. Man kann Genie nicht spielen. Im nächsten Jahr planen wir Friedrich Hebbels Stück "Die Nibelungen". Der Stoff ist das Herzstück der Festspiele. Worms ist die Nibelungenstadt. Aber ich war auch immer der Meinung, dass das mal ruhen muss, dass man sich auch mal von einem Thema erholen muss.
dapd: Also "Nibelungen". Nach Hebbel? Werden Sie selbst inszenieren?
Wedel: Ja. Hebbel habe ich selbst noch nicht gemacht, das hatte 2004 und 2005 Karin Beier inszeniert.
dapd: Wie sehen die Pläne für die Zeit nach 2013 aus?
Wedel: Darüber denke ich im Moment noch nicht nach. Ich schreibe an einem neuen Drehbuch; recherchiere im Augenblick noch für die Geschichte. Mein Vertrag mit Worms endet ja im nächsten Jahr, dann müssen wir weiter sehen.
dapd: Die Nibelungen-Festspiele sind Ihr Baby, das Sie 2002 aus der Taufe gehoben haben. Sind Sie bereit, es alleine laufen zu lassen, kann es alleine laufen?
Wedel: Ich hätte nie gedacht, dass ich nach den entsetzlichen Anfangsschwierigkeiten so gerne immer wieder nach Worms zurückkommen würde. Ob die Festspiele eines Tages auch ohne mich laufen können, wird sich dann erweisen. Irgendwann muss das ja sein. Ich hoffe, dass dann der Qualitätsanspruch gewahrt bleibt, damit es am Ende nicht wie so oft bei kulturellen Veranstaltungen versandet. Nach dem Motto: "Ihr könnt's doch auch ein bisschen einfacher machen." Der Süß sagt einmal in dem Stück: "Ihr denkt, Ihr könnt's alles auch - nur billiger und besser."
(dapd)
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