Moskau – Seit Freitag tobt im südlichen Kaukasus ein Krieg zwischen Russland und Georgien um die abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien. Zehntausende sind vor den Kämpfen geflüchtet, Hunderte wurden getötet. Was sind die Hintergründe des Konflikts, der sich scheinbar pünktlich zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gedrängt hat? Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:
- Was hat den Krieg ausgelöst?
Die Spannungen um die kleine von Georgien abtrünnige Region Südossetien nahmen in den vergangenen Wochen immer mehr zu. Beide Seiten warfen einander Provokationen und Angriffe vor, es gab einige Tote und Verletzte. Die Erklärungen Georgiens und Russlands, wie es schließlich zum Krieg kam, unterscheiden sich jedoch deutlich.
Tiflis hatte Stunden vor Ausbruch der ersten Kämpfe einen einseitigen Waffenstillstand verkündet. Der Angriff auf die südossetische Hauptstadt Zchinwali sei nur eine Reaktion auf anhaltende Aggressionen seitens russischer Truppen gewesen, erklärte Präsident Michail Saakaschwili. Zudem habe Georgien damit auf die massive Unterstützung Moskaus für die Rebellen reagiert. Russland und Südossetien sehen den Aggressor dagegen in Tiflis: Die russische Militäroffensive sei nur die Reaktion auf das georgische Bombardement gewesen, erklärten sie.
- Was war Georgiens Strategie?
Die Regierung in Tiflis konnte nicht davon ausgehen, gegen die vielfache militärische Übermacht Russlands den Hauch einer Chance zu haben. Falls Georgien beim Angriff auf Südossetien eine Strategie hatte, baute die Regierung vielleicht auf der Hoffnung, Moskau werde angesichts der zu erwartenden internationalen Kritik kein massives militärisches Eingreifen wagen. Oder Georgien wollte eine heftige Reaktion Russlands provozieren: Die ehemalige Sowjetrepublik strebt in die NATO und konnte mit dem Krieg zeigen, dass Russland nicht nur für Georgien eine Bedrohung ist, sondern auch für Europa und die über Georgien nach Europa führenden Öllieferungen.
- Was ist Russlands Strategie?
Die Regierung in Moskau hat klargemacht, dass sie entschlossen ist, ihren Machtbereich, inklusive der separatistischen Mini-Regionen im Kaukasus, erbittert zu verteidigen. Die massive Militäraktion gilt auch als Warnung an den Westen. Russland will keine NATO-Mitglieder als Nachbarstaaten dulden und hat Georgien deswegen heftig in die Schranken verwiesen. Offiziell geht es Russland darum, seine Staatsbürger zu beschützen, denn nach der Abspaltung von Georgien 1992 haben die meisten Abchasen und Südosseten russische Pässe bekommen.
- Waren die russischen Truppen nicht schon vor der Krise in Südossetien?
In einem Abkommen zur Beendigung des Separationskriegs 1992 wurde die Stationierung gemischter Friedenstruppen in Südossetien vereinbart. Seither waren georgische, russische, süd- und nordossetische Truppen in der Region stationiert. Tiflis war damit zuletzt massiv unzufrieden und behauptete, die russischen Truppen würden die ossetischen Separatisten unterstützen.
- Was ist das Ziel der Separatisten?
Sowohl Südossetien als auch Abchasien wollen sich in erster Linie von Georgien abspalten, da sie der Führung in Tiflis andauernde Unterdrückung und Verbrechen gegen ihre Ethnie vorwerfen. Die südossetischen Separatisten scheinen dabei einem Anschluss an Russland nicht abgeneigt, denn im benachbarten Nordossetien lebt die gleiche Ethnie. Abchasien scheint eher eine völlige Unabhängigkeit anzustreben, unter dem schützenden Mantel des großen Nachbarn Russland.
- Wer sind die Osseten?
Die etwa 700.000 Mitglieder der Ethnie leben verstreut über Georgien, Russland und die Türkei. Die meisten von ihnen, rund 500.000, sind in der russischen Provinz Nordossetien zu Hause. Etwa 60.000 bis 70.000 lebten bis zum Beginn der Kämpfe in Südossetien. Die südossetische Sprache hat kaum Gemeinsamkeiten mit der georgischen.
- Wer sind die Georgier?
Die georgische Nation hat sich aus vielen Stämmen gebildet, die wichtigste Gemeinsamkeit der etwa 4,4 Millionen Bürger ist die Sprache: Sie hat etwa seit dem vierten Jahrhundert ein eigenes Alphabet und gilt als extrem schwierig zu erlernen. Die abchasische Sprache hat zumindest Ähnlichkeit mit dem Georgischen. Georgien erlangte seine Unabhängigkeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion; die meisten Georgier, wie auch die Osseten, sind orthodoxe Christen.
- Was ist die Position des Westens?
Die EU und die USA haben die militärische Eskalation unisono verurteilt und Russland Unverhältnismäßigkeit vorgeworfen. Die westlichen Staaten unterstützen Georgiens Anspruch auf territoriale Integrität und lehnen die Unabhängigkeit der beiden Regionen ab. Russland unterstützt die Separatisten und verweist auf das Kosovo, dessen Unabhängigkeit von Serbien der Westen sogar gefördert hat. (AP)
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