Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
24.08.2011
Foto: Bernd Kregel
Von einer Anhöhe des Städtchens Blois aus weitet sich der Blick über eine malerische Flusslandschaft, in der grüne Flussauen die träge dahinströmende Loire umrahmen. Nie hat man offenbar versucht, das flache Gewässer in größerem Stil schiffbar zu machen oder gar aufzustauen. So blieb die liebliche Naturlandschaft des Loire-Tales erhalten, die nun auf dezent ausgebauten Uferwegen die Fahrradfahrer scharenweise anlockt.
Stolz überragen die Türme der Stadt diese Flussidylle. Unter ihnen ducken sich die Häuser der verwinkelten Altstadt, die sich um schmucke Straßen, Gässchen und Plätze herum gruppieren. In ihrer unaufdringlichen und wenig pompösen Art erwecken sie nicht gerade den Eindruck, das östliche Eingangstor zu sein für eine Entdeckungsreise zu den legendären Schlössern an der Loire. Besonders zu den Königsschlössern, von denen aus Frankreich einst regiert wurde, bevor sich der Regierungssitz zur Zeit des Absolutismus in Richtung Paris verschob.
Und doch gibt es mit dem mächtigen Schloss von Blois ein Indiz für die einstige Bedeutung der Stadt. Seine einzelnen Flügel legen Zeugnis ab von den unterschiedlichen Stilepochen, in denen es durch verschiedene Herrscher erbaut wurde. Und immer wieder ist es Franz I., der sich hier wie auch anderswo als königlicher Baumeister einen Namen machte. Besonders mit der im Renaissancestil errichteten weißen Wendeltreppe, von der aus sein Wappentier, ein Feuer speiender Salamander, den Zuschauern Respekt einflößt.
Schauplatz politischer Auseinandersetzungen
Doch das eigentliche Schreckerlebnis, das von hier aus die Gemüter bewegte, ging Franz I. bereits voraus. Es war die Ermordung des Herzogs von Guise, den man als einen der Anführer der Katholischen Liga auf das Schloss gelockt hatte, um sich seiner als Konkurrenten im Ränkespiel um die Königsmacht zu entledigen. Und dies ist nur eine der vielen Episoden jener aufgewühlten Zeit der Religionskriege, bis schließlich „der gute König“ Heinrich IV. im Jahre 1598 im Edikt von Nantes den protestantischen Hugenotten Glaubenstoleranz zusicherte und damit zumindest vorübergehend zur politischen Beruhigung Frankreichs beitrug.
Unter dem mächtigen und einflussreichen König Franz I. konnte davon allerdings noch keine Rede sein. Dieser hatte es sich sogar in den Kopf gesetzt, Kaiser zu werden. Doch Karl V. aus dem Hause Habsburg schnappte ihm diesen fetten Brocken vor der Nase weg, ein Umstand, den Franz I. seinem erfolgreichen Konkurrenten nicht verzeihen konnte. Was hatte der Habsburger, das der Franzose nicht hatte? So verweigerte Franz aus versteckter Eitelkeit seinem Gegenspieler nicht selten die Gefolgschaft, selbst wenn das Wohl des gesamten Reiches auf dem Spiel stand.
Symphonie aus Kuppeln und Türmen
Doch die abgrundtiefe Enttäuschung über das Scheitern der eigenen hochfliegenden Pläne barg auch etwas Gutes in sich. Denn aus dem Frust erwuchs der Plan, etwas zu erschaffen, das in seiner Pracht vor der Ewigkeit Bestand haben sollte. So gab er ein Bauprojekt in Auftrag, das mit seiner Dachkonstruktion mit einer Symphonie aus Kuppeln, Türmen und Türmchen alles Bestehende in den Schatten stellen sollte.
Und als mit Hilfe des künstlerischen Großmeisters Leonardo da Vinci das Wunderwerk namens Chambord mit seiner doppelspiraligen Wendeltreppe endlich fertig gestellt war, wollte es natürlich vorgezeigt werden. So veranlasste eine Mischung aus Stolz und gekränkter Eitelkeit den französischen König, seinen Vorgesetzten Kaiser Karl V. an diesen Ort einzuladen. Dieser akzeptierte und soll sich – so wird es überliefert – zu einem Lob herabgelassen haben. Und damit ließ es sich endlich leben.
Kraftstrotzendes Wunderwerk
Gefühle verbanden Franz I. auch mit dem Schloss Amboise, in dem er einst aufgewachsen war. Gelegen auf einer Felskante hoch über der gleichnamigen Stadt an der Loire, verfügte das kraftstrotzende Wunderwerk über einen Turm, in dem sich eine schiefe Ebene in vielen Windungen spiralförmig nach oben drehte. Zwei Reiter konnten auf diese Weise in voller Rüstung nebeneinander auf den Burghof hinauf gelangen, ohne sich dabei auch nur zu berühren.
Und da die umliegenden Wälder in ihrer Ausdehnung und mit ihrem Wildreichtum ein bevorzugtes Jagdgebiet darstellten, wurde eine dem Heiligen Hubertus gewidmete Kapelle zum Hauptblickfang auf dem Burggelände. In ihren Glasfenstern durfte natürlich die Jungfrau von Orleans nicht fehlen und zu deren Füßen – welche Verwunderung! – das Grab von Leonardo da Vinci.
Als enger Freund und Vertrauter von Franz I. war er hier im Schloss gestorben, obwohl ihm der König in unmittelbarer Nähe mit Clos Lucé ein eigenes Schloss zur Verfügung gestellt hatte. Dort legte er – heute noch erkennbar – einen parkähnlichen Garten an, dem er die Naturstudien vieler seiner Bilder entnahm. Mit berühmten Porträts wie dem der Mona Lisa oder Johannes dem Täufer in den Baumkronen des Parks wird noch heute das Andenken an den großen Künstler gepflegt.
Lieblichkeit des Ambientes
Das schönste aller Loire-Schlösser jedoch, dient nicht so sehr der Repräsentation als vielmehr dem Wohnkomfort. Es ist Chenonceau, das Schloss royaler Frauen, Witwen und der Mätressen, die in großzügigen Gartenanlagen mitsamt einer Orangerie ihren Alltag verbringen konnten.
Das Schloss selbst, errichtet auf den Grundmauern einer ehemaligen Wassermühle, wölbt sich mit seiner Galerie über einen Kanal und bezaubert durch die Leichtigkeit, mit der die über das Wasser gewölbten Steinbögen das Gebäude tragen. Ein Eldorado der Erholung auch für heutige Besucher, bei denen sich wie bei keinem anderen der Loireschlösser die Lieblichkeit des Ambientes herumgesprochen hat.
Und doch sind es die Königsschlösser nicht allein, die in dieser wegen ihres unübertroffenen Charmes wohl französischsten aller Landschaften Frankreichs die Menschen anziehen. Auch die Stadt Tours wartet auf mit einem Ort, der Emotionen freisetzt. Es ist das Grab des Heiligen Martin, der als einer der bekanntesten Heiligen des Abendlandes in der Krypta der neu errichteten Basilika zur inneren Einkehr einlädt.
Frömmigkeit und Leichtigkeit kommen hier zusammen in diesem urbanen Zentrum des Loire-Tals, so wie an anderen Stellen weltliche Herrschaft und architektonisches Stilgefühl. Wahrlich, eine göttliche Landschaft, die dazu einlädt, zu „leben wie Gott in Frankreich“. Und wer wollte sich dies zweimal sagen lassen?
www.leschateauxdelaloire.org
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