Gesellschaft - Aktuelle Nachrichten – Die Macht der Erinnerung – Thilo Gehrke, Gastautor
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Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft

Die Macht der Erinnerung

Thilo Gehrke, Gastautor

09.11.2007

Das ehemalige Grenzgebiet bei Hötensleben ist noch im Orginalzustand erhalten. (Fotos: Thilo Gehrke)
Das ehemalige Grenzgebiet bei Hötensleben ist noch im Orginalzustand erhalten. (Fotos: Thilo Gehrke)
Heute ist Marienborn Teil der Gedenkstätte.
Heute ist Marienborn Teil der Gedenkstätte.
Marienborn war innerdeutscher Grenzübergang zur DDR.
Marienborn war innerdeutscher Grenzübergang zur DDR.
Staatsgrenze an der Autobahn.
Staatsgrenze an der Autobahn.
Passkontrollstation.
Passkontrollstation.
Das Visabüro.
Das Visabüro.

Der sogenannte "Sensationsfund" im Stasi Archiv durch die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), oder kurz Birthler Behörde, war eigentlich bei der Präsentation schon zehn Jahre alt gewesen. Doch in der daraufhin entfesselten Diskussion bestritten alte Stasi-Kader, der letzte SED-Chef Egon Krenz, postkommunistische Juristen und namhafte Politiker der PDS wie Lothar Bisky die Existenz des Schießbefehls. Von 1961 bis zum Mauerfall habe niemals eine Anweisung an die Grenzsoldaten der DDR existiert, an der innerdeutschen Grenze auf Flüchtlinge scharf zu schießen. „So ein Befehl hätte den Gesetzen der DDR widersprochen„, sind sie sich einig. Der streitbare Leiter der Stasi-Knast Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Dr. Hubertus Knabe, merkte dazu unlängst an: „Dass DDR-Grenzer auf Fliehende schießen sollten war bekannt. Wer das bezweifelt erinnert an Neonazis, die sagen für die Judenvernichtung hätte es keinen Führerbefehl gegeben.„

Vom Bollwerk des kalten Krieges zur Stätte des Gedenkens

Heute existieren kaum noch Zeugnisse der deutschen Teilung, die Nachwendezeit sollte eine Ära des Umbruchs und Neuanfangs sein. Symbole europäischer Teilung, der Autobahnkontrollpunkt Marienborn an der A2 bei Helmstedt und der wenige Kilometer entfernte kleine Ort Hötensleben in Sachsen-Anhalt, bilden heute die „Gedenkstätte Deutscher Teilung„. Die von 1972-1974 errichtete Grenzübergangsstelle (GÜSt) Marienborn war mit über 1.000 Bediensteten der bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Demarkationslinie und sogar nachts taghell erleuchtet. Meist mit Unbehagen hatten westdeutsche Reisende auf dem Transitweg nach West-Berlin oder zu anderen Zielen im Ostblock diesen seelenlosen, beängstigenden Ort zu passieren und waren dabei den Launen und Schikanen der DDR Grenzsoldaten ausgeliefert.

Die Passkontrolle unterstand dem Ministerium für Staatssicherheit, dessen Gegner der westdeutsche „Klassenfeind„ war. Hier wurden die Reisenden, ihre Fahrzeuge und die transportierten Güter, für die es eine eigene Röntgenanlage gab, lückenlos kontrolliert, wobei die Grenzpolizei sogar Särge öffnete.

Alle Abfertigungsgebäude wurden im Zuge der „operativen Psychologie„ größer als nötig gebaut um die Reisenden zusätzlich einzuschüchtern. Ein weit in das Hinterland reichendes Überwachungssystem, Minenfelder und Selbstschussanlagen verhinderten auf der GÜSt jeden Fluchtversuch für DDR-Bürger. Sie bekamen die Dimension der GÜSt erst nach der Wende zu Gesicht. Die fünf Kilometer breite Sperrzone vor der „Staatsgrenze West„ war nur mit Sonderausweis zu betreten. Gelang tatsächlich einmal ein Flüchtender mit seinem Fahrzeug auf die GÜSt, konnte in Sekundenbruchteilen eine Betonsperre auf die Fahrbahn gerollt werden, um das Fahrzeug daran zerschellen zu lassen.

Bis zur deutschen Wirtschafts und Währungsunion im Vorfeld der deutschen Wiedervereinigung am 01.07.1990 wurden hier seit der Eröffnung 1974 über 34 Millionen Reisende abgefertigt. Nach Jahren des Verfalls ist dieser Ort gemeinsam mit der einst an der Grenze liegenden Stadt Hötensleben seit 1997 nun auch eine Stätte des politischen Lernens. Die Besucher können die Gelände selbstständig erschließen und die ehemaligen Funktionseinheiten im Rahmen einer Führung besichtigen. In Hötensleben kann man zudem das ehemalige Grenzsystem im Originalzustand studieren. Auf einer Länge von 350 Metern und einer Gesamtfläche von 6,5 Hektar war es gelungen, Mauer, Wachturm und Schußfeld zu erhalten. Heute einmalig in Europa ist der Verlauf der Sperranlage bei Hötensleben, da sie unmittelbar hinter den Häusern des Ortes errichtet wurde. Oftmals waren die Ortschaften in Grenznähe einfach abgerissen und die Bewohner zwangsumgesiedelt worden.

„Little Berlin", das geteilte Dorf

In Mödlareuth, einem kleinen fränkischen Ort in der Nähe von Hof, verlief die Deutsch-Deutsche Grenze sogar mitten durch das Dorf, der östliche Teil befindet sich in Sachsen. Die Gemeinde, in der sächsisch und bayrisch gesprochen wird, war wegen der Trennung durch Mauer und Wachtürme als „little Berlin„ weltbekannt. Ganze Familien waren durch den Mauerbau über Nacht auseinander gerissen worden. Um sich zu besuchen und die ehemaligen Nachbarn in die Arme zu schließen, mussten die Einwohner von Mödlareuth hohe bürokratische Hürden überwinden und hunderte Kilometer Umwege zurücklegen.

„Flüchtlinge sind zu vernichten!"

Einen klaren Beweis für die Existenz des Schießbefehls gab es bereits im Jahre 1989. In der zusammenbrechenden DDR ordnete deren Chef Erich Honecker an, den Schießbefehl in der damaligen Situation aufzuheben. Der ebenso greise Stasi-Chef Erich Mielke beklagte sich daraufhin auf einem Tondokument über Honeckers Weisung. DDR Flüchtlinge setzte Mielke auf der Tonaufzeichnung mit Ungeziefer gleich, das zu vernichten sei.

Obwohl in der DDR kein Genozid stattfand, beraubte das menschenrechtsverachtende kommunisische Staatssysthem dem einzelnen das Recht auf freie Entfaltung und Entwicklung. Sie hat Elend, Nichtentwicklung und eine trübe Nostalgie unter die Leute gebracht. 46 Jahre nach dem Bau der Mauer und 17 Jahre nach dem Scheitern des „real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden„ sollte das nicht vergessen werden.

Thilo Gehrke, 41, ist Journalist, Fotograf und freier Autor in Hamburg. Er hat die deutsche Wiedervereinigung unter sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten medial begleitet und ist Mitglied im Wissenschaftlichen Forum für Internartionale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr.

Text erschienen in Epoch Times Deutschland Printausgabe Nr. 10

 

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