Reiseinformationen – Die Mär vom Mittelmeerurlaub an der Nordsee – Simone Utler
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Die Mär vom Mittelmeerurlaub an der Nordsee

Simone Utler

08.11.2006

Hamburg - Wahre Südeuropa-Temperaturen konnten im Juli 2006 in Norddeutschland gemessen werden. Die ersten Mittelmeer-Fische kommen fangfrisch aus der Nordsee auf den Tisch, und auch eher unbeliebte Warmwasser-Gesellen wie Kompassquallen und Blaualgen sind vermehrt in der Ostsee anzutreffen. Nur auf Palmen werden Urlauber in Norddeutschland wohl vergeblich warten. Auch wenn der Klimawandel schönere Sommer bringt - komplette Mittelmeerverhältnisse werden dort wohl niemals erreicht. Dennoch vermuten Experten, dass der Tourismus an Nord- und Ostsee profitieren wird.

Schon jetzt haben die Tourismusverbände im Norden den Eindruck, dass sich das bessere Wetter der vergangenen Jahre positiv auf die Besucherzahlen ausgewirkt hat. «Wir sehen ganz klar, dass mehr Gäste kommen, wenn das Wetter stabiler ist», sagt Carsten Moormann von der Ostfriesland Tourismus GmbH. Vor allem ein schöner Spätsommer wie in diesem September und Oktober würde die Saison spürbar verlängern.

Dieser Effekt wird sich noch verstärken, vermutet Edgar Kreilkamp, Tourismus-Professor an der Universität Lüneburg. Noch liegen zwar keine wissenschaftlichen Studien vor, aber demnächst startet Kreilkamp ein Projekt zum Thema Klimawandel und Tourismus. Der Norden Deutschlands werde zunächst von der Klimaerwärmung profitieren, weil Wärme und Sonne wichtige Urlaubskriterien seien, sagt Kreilkamp. «Je mehr Sonne wir haben, umso glücklicher sind wir, umso schöner war der Urlaub.» Der Klimawandel werde wohl auch mehr Herbststürme bringen, aber die beträfen nicht die touristisch attraktive Sommerzeit.

Außerdem werden die Urlaubsregionen an Nord- und Ostsee nach Einschätzung Kreilkamps davon profitieren, dass sich auch der Mittelmeerraum stärker erwärmen wird. «Viele Urlauber werden sich dann sicher überlegen, ob sie im Juli oder August dort noch hinfahren». Schon jetzt könne man etwa in der Türkei im Sommer den Strand nicht ohne Schuhe betreten, weil man sich sonst Brandblasen hole.

Auch vom zunehmenden Bewusstsein beim Thema Hautkrebs könne der Tourismus an norddeutschen Küsten profitieren. Kreilkamp vermutet, dass braun werden als Motiv bei der Urlaubswahl immer weiter an Bedeutung verlieren wird. «Immer weniger Menschen legen sich im Hochsommer am Mittelmeer noch in die knallende Sonne», erläutert der Professor. Und den angenehmen Effekt von Sonne, dass sie die Landschaft in angenehmes Licht tauche, gebe es auch an deutschen Küsten.

Allerdings sieht Kreilkamp einige Faktoren, die den Urlauberstrom stärker und messbarer beeinflussen als langsame Phänomene wie die Klimaerwärmung. Dem Deutschen Wetterdienst zufolge stiegen die durchschnittlichen Temperaturen seit 1900 in Niedersachsen um 0,8 Grad, in Schleswig-Holstein um 0,7 Grad und in Mecklenburg-Vorpommern sogar nur um 0,3 Grad. Neuinvestitionen, vor allem an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns, oder Sondereinflüsse wie die Vogelgrippe hätten wesentlich größere Wirkung, meint Kreilkamp.

Auch Quallen und Algen machen sich breit

Deutlicher fällt da die Erwärmung des Meeres aus. Die durchschnittliche Wassertemperatur der südlichen Nordsee ist nach Angaben des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in den letzten 40 Jahren um 1,1 Grad Celsius gestiegen, wovon der wesentliche Sprung in den vergangenen 15 Jahren zu messen war. «Allein in den Wintermonaten, der ökologisch bedeutenden Zeit, ist die Temperatur um fast zwei Grad gestiegen», sagt Heinz-Dietmar Franke von der Biologischen Anstalt Helgoland des AWI.

Dadurch könne eine zunehmende Artenvielfalt festgestellt werden. «Von Einzellern bis hin zu Fischen sind neue Arten hinzugekommen», sagt Franke. Allein bei den Fischen seien es rund zwölf Arten, die eigentlich in südlicheren Gefilden vorkommen würden. So lebe die Streifenbarbe, ein Mittelmeerfisch, seit einigen Jahren in großen Schwärmen hier, werde gefangen und vermarktet. Auch Sardinen, Sardellen und Wolfsbarsche würden inzwischen regelmäßig in der Nordsee gesichtet.

Allerdings befürchten Experten, dass die höheren Temperaturen verstärkt Algen und Quallen mit sich bringen. Vor allem in der Ostsee könnte dies ein Problem werden. «In diesem Sommer ist die ganze Ostsee eine einzige warme Brühe gewesen», sagt Martin Altemüller vom Naturschutzbund NABU. Vor Fehmarn habe es schon Blaualgen und Quallen gegeben, und in diesem Jahr seien zum ersten Mal die unangenehm brennenden Kompassquallen bis nach Rügen gekommen. «Wir wissen noch ganz wenig über die Quallen», schränkt der Biologe ein, aber ihre Zahl nehme definitiv zu.

Ganz abgesehen von den ökologischen Konsequenzen können steigende Wassertemperaturen in Nord- und Ostsee den norddeutschen Urlaubsregionen wohl niemals richtiges Mittelmeerklima bescheren. «Dazwischen liegen die kalten Winter, die wir immer mal wieder haben werden, und die es eben am Mittelmeer nicht gibt», sagt Gerhard Müller-Westermeier vom Deutschen Wetterdienst. In Deutschland gebe es beim Wetter einfach eine größere Variabilität und Instabilität. «Wenn es so weiter geht, kommt man irgendwann bei Frankfurt (am Main) auf die Temperaturen von Venedig», sagt der Meteorologe. Aber im Norden sei es stets ein wenig kühler. Da sei es fraglich, ob dort irgendwann Palmen gedeihen.

(AP)

 

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