Menschen & Meinungen – Die „Mutter Teresa" Pakistans – Chris Brummitt
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Wohltätig Die „Mutter Teresa" Pakistans

Chris Brummitt

02.09.2010

"Ich bettle für die Armen", sagt Edhi, der seit nunmehr 60 Jahren den Notleidenden Pakistans hilft. Mit seiner gleichnamigen Stiftung schließt er somit eine Lücke in einem Land, in dem es kein Gesundheits- oder Wohlfahrtssystem gibt. Foto: Shakil Adil/AP Photo
"Ich bettle für die Armen", sagt Edhi, der seit nunmehr 60 Jahren den Notleidenden Pakistans hilft. Mit seiner gleichnamigen Stiftung schließt er somit eine Lücke in einem Land, in dem es kein Gesundheits- oder Wohlfahrtssystem gibt.

Foto: Shakil Adil/AP Photo

Peshawar/Pakistan (apn) Kaum ist Abdul Sattar Edhis Aufruf um Spenden für die Opfer der verheerenden Flutkatastrophe verklungen, schon werfen Pakistaner aus allen sozialen Schichten Geld in seinen rosafarbenen Korb. Der betagte Edhi – selbst in ein ausgefranstes, schlammbeschmutztes Gewand gehüllt – bedankt sich bei jedem Geber. Einige der Anwesenden möchten sich mit dem Mann, den sein jahrelanges Engagement für die Armen in Pakistan zu einem Nationalhelden machte, fotografieren lassen. Vier Stunden später hat die „Mutter Teresa“ Pakistans stolze 15.000 Dollar, rund 12.000 Euro, eingesammelt.

„Ich bettle für die Armen“, sagt Edhi, der seit nunmehr 60 Jahren den Notleidenden Pakistans hilft. Mit seiner gleichnamigen Stiftung schließt er somit eine Lücke in einem Land, in dem es kein Gesundheits- oder Wohlfahrtssystem gibt.

Mit Spendengeldern hat Edhi inzwischen 250 Wohlfahrtszentren in ganz Pakistan aufgebaut, in denen Waisen, geistig Behinderte, unerwünschte Babys, Drogenabhängige, Obdachlose, Kranke und alte Menschen Hilfe erfahren. Außerdem eilt seine Krankenwagenflotte zu den Opfern von Terroranschlägen, Schießereien, Unfällen und Naturkatastrophen. Im vergangenen Jahr nahmen Edhis Hilfswerke nach Angaben seines Sohnes Faisal Spenden in Höhe von rund fünf Millionen Dollar ein. Ein Großteil der finanziellen Unterstützung kommt von Exil-Pakistanern, die sich in ihrem Heimatland engagieren möchten.

„Der Dienst an Menschen ist der wichtigste Dschihad“

Edhi kommt gerade von einem einwöchigen Besuch in den von den Überschwemmungen betroffenen Gebieten. „Der Menschheit zu helfen ist der wichtigste Dschihad, den es gibt“, erklärt er. Der etwa 80-Jährige – über sein genaues Alter sind sich seine Familie und er uneins – lebt mit seiner Frau in einem winzigen Zimmer in einer seiner Wohlfahrtseinrichtungen in Karachi. Direkt über seinem Schlafzimmer befinden sich eine Entbindungsstation und ein Waisenhaus, das 18 Kindern eine Heimat bietet. Edhis Frau Bilquis versucht, Adoptiveltern für die Kinder zu finden. Mädchen oder ältere Kinder würden jedoch nur von wenigen Pakistanern aufgenommen, sagt sie.

Im 26 Hektar großen Edhi-Dorf, das sich hinter den Slums im nördlichen Teil Karachis befindet, sind 300 Kinder und 900 Erwachsene untergebracht. „Wir tun, was wir können“, erklärt Billal Mohammed, eine Regionalleiterin Edhis. „Diese Menschen würden sonst auf der Straße leben. Wir geben ihnen Zuflucht, Nahrung und medizinische Versorgung.“ Zur Edhi-Stiftung gehören in Karachi auch eine Leichenhalle, ein Krankenhaus für Obdachlose, eine Apotheke und sogar ein Hochzeitsraum für die Jugendlichen, die in Edhis Waisenhaus groß wurden.

Stiftung ist Alternative zur Hilfe von Islamisten

Die Edhi-Stiftung ist eine Alternative zu den Hilfsangeboten radikalislamischer Gruppierungen, von denen sich viele dem Terrorismus verschrieben haben. So ist Edhi nach eigener Aussage gläubiger Muslim, steht extremen Ansichten jedoch kritisch gegenüber.

Edhi propagiert die Hilfe zur Selbsthilfe. So nehme er keinerlei Spenden von internationalen Organisationen oder Regierungen an, da sich Pakistaner untereinander helfen sollten, erklärt er. Seine Frau und er lebten von ihren Ersparnissen. Obwohl Edhis Stiftung keine Finanzberichte veröffentlicht, vertrauen ihm seine Geldgeber. „Man kann jeden Pakistaner fragen, Edhi genießt bei jedem hohes Vertrauen“, sagt Anjum Haque, Direktor vom pakistanischen Zentrum für Menschlichkeit.

Im indischen Unionsstaat Gujarat geboren, zog Edhi im Jahr 1947 mit seinen Eltern nach Pakistan. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie, die sich für die Belange der sozial Schwachen einsetzte. Schon seine Mutter hielt ihn dazu an, täglich die Hälfte seines Taschengeldes an Bedürftige abzugeben. Als sie im Sterben lag, kümmerte sich Edhi liebevoll um sie. Diese Erfahrung sollte sein Leben nachhaltig prägen. „Am Abend ihrer Beisetzung entschied ich mich, der Menschheit zu dienen“, erklärt er.

Bescheidene Anfänge

Edhi blickt auf bescheidene Anfänge zurück. Im Jahr 1951 erwarb er einen kleinen Laden in einem Ghetto von Karachi, den er in eine Apotheke umbaute. Sieben Jahre später kaufte er einen Kleinlaster, aus dem er einen Krankenwagen machte. Damit fuhr er zu Unfallstellen, um Verletzte in Krankenhäuser zu bringen, verabreichte während einer Grippe-Epidemie Injektionen und war bei Naturkatastrophen im ganzen Land unterwegs, um Opfer humanitär zu versorgen. Schließlich wurden Spender auf Edhis unermüdlichen Dienst und seinen genügsamen Lebensstil aufmerksam. Mit deren Hilfe gelang es ihm, in den 80er und 90er Jahren sein Wohlfahrtsnetz nach und nach über die Grenzen Karachis hinaus auszuweiten. So erreichte seine Hilfsbereitschaft sogar die Opfer des Hurrikan Katrina, der 2005 in den Südstaaten der USA wütete. Die dortigen Hilfsmaßnahmen unterstützte er mit rund 200.000 Dollar.

Eine wichtige Frage bleibt indes. Was wird mit der Stiftung nach Edhis Tod passieren? Er wolle den Stab an seine zwei Söhne und drei Töchter weitergeben, erklärt Edhi. Dennoch steht die Befürchtung im Raum, dass die Leute nicht mehr so großzügig sein würden, wenn er nicht mehr da sei.

Anlass zur Sorge bereitet seinen Kindern aber viel mehr der Gesundheitszustand des Vaters. Er arbeite genauso viel wie vor 50 Jahren, sagen sie. „Wir sagen ihm immer, dass er es ruhiger angehen lassen soll. Er will aber nicht hören,“ sagt seine Tochter Almas. „Er ist eben gerne beschäftigt.“

www.edhifoundation.com

http://www.pcp.org.pk/ (AP)

 

 

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