Kultur – Die Sprachlosigkeit einer Sprachgewaltigen – Holger Mehlig
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Aktuelle Nachrichten – Kultur

Leben in einer Diktatur Die Sprachlosigkeit einer Sprachgewaltigen

Holger Mehlig

08.10.2009

(AP Photo/Michael Sohn)
(AP Photo/Michael Sohn)

Berlin – Eigentlich wollte sie am liebsten gar nichts sagen. Zu sehr hatte Herta Müller am Donnerstagmittag die Nachricht überrascht, den Literaturnobelpreis zu bekommen und künftig in einer Reihe mit Literaten wie Heinrich Böll, Hermann Hesse und Günter Grass zu stehen. Doch die Öffentlichkeit zwang die in ihren Romanen so Sprachgewaltige mehr oder weniger dazu, Stellung zu nehmen. So trat sie dann am Abend fünf Stunden nach Bekanntgabe in einer improvisierten Pressekonferenz vor die Mikrofone und Kameras.

Geradezu schüchtern kam die ganz in schwarz gekleidete 56-Jährige in einen kleinen Raum des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Berlin, in dem sich 20 Kamerateams und Dutzende Journalisten drängten. Das Blitzlichtgewitter ertrug die kleine, zierliche Frau mit stoischer Ruhe, auch wenn ihr anzusehen war, wie unangenehm ihr das Ganze war. Auch der riesige von Kulturstaatsminister Bernd Neumann überreichte Strauß samt anschließender Umarmung schien ihr nicht sonderlich zu behagen. Dann nahm sie Platz auf einem auf einem Podest gestellten Stuhl und ließ sich von den Lektoren ihres Hanser-Verlag präsentieren.

„Ich habe es nicht erwartet“

„Ja, ich glaube es noch immer nicht“, sagte sie dann. „Ich weiß es, aber es ist noch immer nicht im Kopf angekommen.“ Sie schlug die Beine übereinander und richtete angesichts der weiter klickenden Fotoapparate in unmittelbarer Gesichtsnähe den Blick auf den Boden. „Ich habe es nicht erwartet, ich war sicher, es passiert nicht“, sagte sie und fügte hinzu: „Ich kann auch noch gar nicht darüber reden.“ Es sei noch zu früh, sie brauche Zeit, um das einzuordnen.

Der Preis sei nicht für sie, sondern für ihre Bücher, meinte sie dann. „Das ist die richtige Art, damit umzugehen.“ Der Preis sei ja auch nur eine Äußerlichkeit und werde sie sicherlich nicht verändern. „Ich bin die Person, die ich bin“, betonte die in Berlin lebende Autorin fast trotzig. Sie werde jetzt nichts Besseres oder Schlechteres. „Meine innere Sache ist das Schreiben, das gibt mir Kraft.“

Übersiedeln nach Deutschland ein Glücksfall

Dann erklärte sie, sie verstehe ihr Schreiben in dem Sinne, dass sie über 30 Jahre in Rumänien in einer Diktatur gelebt habe und darüber berichte. Ihr Übersiedeln nach Deutschland 1987 sei ein Glück gewesen, denn es habe viele Leute, auch Freunde gegeben, die die Diktatur nicht überlebt hätten. „Mein Schreiben hatte immer damit zu tun, wie konnte es soweit kommen, dass sich eine Handvoll Mächtige das Land unter den Nagel reißen. Woher nehmen sie sich das Recht.“

In Deutschland fühle sie sich frei, betonte Müller. „Ich kenne den Unterschied, wenn man jeden Tag morgens Angst haben muss, dass man am Abend nicht mehr existiert.“ Noch immer spüre sie eine Bedrohung durch den rumänischen Geheimdienst, wenn sie in dem Lande sei. Allerdings sei die Bedrohung nicht mehr so, dass sie um ihre Leben fürchte. Aber es gebe noch immer Feindseligkeiten eines Personals, „das auch heute noch mitzureden hat“.

Am Ende der rund 45-minütigen Pressekonferenz ergriff der Kulturstaatsminister noch einmal das Wort. Schon vorher sei sie Schriftstellerin von Weltrang gewesen, das sei jetzt durch den Nobelpreis bestätigt, meinte er dann. „Wir sind stolz auf Sie“, sagte Neumann. Müller nahm mit scheinbar letzter Kraft noch einmal das Mikrofon nach oben und hauchte ein „Danke“ hinein. Dann endlich löste sich die Anspannung – und ein Lachen glitt über ihr Gesicht. (AP)

 

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