Kultur – Die Täuschung der Anderen – Bernd Kregel / Gastautor
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Angelina Jolie und Johnny Depp in „Der Tourist“ Die Täuschung der Anderen

Bernd Kregel / Gastautor

06.01.2011

Johnny Depp und Angelina Jolie Foto: Carlos Alvarez/Getty Images
Johnny Depp und Angelina Jolie

Foto: Carlos Alvarez/Getty Images

Nichts ist leichter, als den Film misszuverstehen. Einmal nicht aufgepasst und – schwupp – entgeht dem Zuschauer die Schlusspointe, von der her sich das eineinhalbstündige Werk in seiner Handlung legitimiert. Wer die nicht versteht – und viele Rezensenten verstehen sie offensichtlich nicht – der prügelt mit seiner harschen Kritik auf ein Missverständnis ein, das dem Anliegen des Regisseurs nicht gerecht wird.

Denn Oskar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck ist ein Meister der Täuschung. Bis kurz vor Schluss hält er die handelnden Personen auf der Leinwand und erst recht das Publikum im Zuschauerraum zum Narren. Alle setzt er sie auf eine falsche Fährte, auf der sie – bis auf ein paar Ausnahmen – auch bis zum Schluss bleiben.

Auf dieser Ebene (miss)versteht man die Handlung als das zufällige Zusammentreffen von zwei Menschen im Schnellzug Paris – Venedig, bei dem s i e , eine englische Agentin, i h n , einen amerikanischen Mathelehrer, für ihre geheimdienstlichen Zwecke instrumentalisiert. Und wenn er sich stärker als von ihr gewünscht in den weiteren Verlauf des Geschehens einmischt, so wird dies seiner doppelten Naivität zugerechnet, die das Klischee vom „unbedarften Amerikaner“ und dem „trotteligen Lehrer“ bedient.

Von Donnersmarck wird geradezu abgestraft mit einer ganzen Handvoll von Argumenten: die Chemie zwischen der Hauptdarstellerin Angelina Jolie als Elise Clifton-Ward und dem Hauptdarsteller Johnny Depp als Frank Tupelo stimme nicht, ihre weibliche Schönheit stehe zu sehr im Vordergrund ebenso wie die betörende Kulisse von Paris und besonders der Lagunenstadt Venedig.

Nicht zuletzt sei es ein Film ohne Tiefgang, der nur für ein abendliches Fernsehprogramm tauge. Und doch lohnt es sich, die Fäden der Täuschung aufzunehmen und den Schlüsselsituationen nachzugehen, in denen die Täuschung nicht entdeckt wird und sich daher im Handlungsverlauf bei Darstellern und Zuschauern immer stärker verfestigt.

Damit zeigt von Donnersmarck, wie schon andere Klassiker vor ihm, die menschlich-allzumenschliche Seite des Irrtums auf, dem man leichter verfällt als man gemeinhin ahnt. Und so werden für den, der die Schlusspointe richtig zu deuten weiß, wie bei Platos Höhlengleichnis die zwei unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit erkennbar: einmal in ihrer wahren und zum anderen in ihrer für wahr gehaltenen aber dennoch nicht realen Form.

So liegen von Donnersmarcks erster Film „Das Leben der Anderen“ und sein zweiter, diesmal eine Komödie, inhaltlich gar nicht so weit auseinander. Denn beide Handlungsstränge sind geprägt von den wie auch immer zu bewertenden Machenschaften der staatlichen Apparate, denen man nur selten oder gar nicht auf die Schliche kommt – und die dennoch Macht über die Menschen haben, der sie sich nicht entziehen können.

„Nichts ist so schwierig wie die Darstellung des Heiteren“, heißt es entschuldigend zum Film. Dieses Urteil jedoch wird dem Werk nicht gerecht. Denn dieses bestätigt das handwerkliche Können des Regisseurs, das besonders in den vielen amüsanten Kabinettstückchen mit ihrer wunderbaren Situationskomik, beispielsweise bei der abgebrochenen Festnahme am Bahnhof, deutlich wird. Ein Besuch ist daher unbedingt empfehlenswert.

 

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