Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
08.06.2009
Die alten Römer wussten, wie man sich gekonnt in Szene setzt. Gezielt verteilten sie architektonische Duftnoten über das gesamte Reich und demonstrierten damit für jedermann sichtbar ihren politischen Herrschaftsanspruch.
Zum Beispiel in Baalbek im heutigen Libanon. Hier errichteten sie die größte Tempelanlage der antiken Welt und nannten sie „Heliopolis“, Sonnenstadt. Allein der Jupitertempel umfasste mit seinen 54 mächtigen Säulen eine Fläche, auf der der Parthenon-Tempel der Athener Akropolis zwölfmal hätte Platz finden können. Verwendet wurden dabei die größten Bausteine, die je von Menschenhand geschaffen wurden, tausend Tonnen und mehr.
Diese gigantische Verquickung von Staat und Religion war mehr als römische Großmannssucht. Denn Baalbek lag am Schnittpunkt alter Handelsstraßen vom Mittelmeer in den Osten des Reiches. Und genau von hier aus wollten die römischen Kaiser von Augustus über Nero bis Caracalla nicht nur die römische Kultur verbreiten, sondern die gesamte Provinz Syrien kontrollieren. Eine Rechnung, die mehrere Jahrhunderte lang aufging.
Bis schließlich der Zahn der Zeit am Römischen Reich und der gewaltigen Anlage nagte und beide zum Einsturz brachte. Doch der Geist der Antike überdauerte in Baalbek die Jahrtausende und die wechselnden Herrscherhäuser bis zur Neuzeit.
Selbst der deutsche Kaiser Wilhelm II. ließ sich von ihm anstecken. Seine Begeisterung kannte keine Grenzen, als ihn im Jahre 1898 bei seinem Besuch im Heiligen Land seine Reiseroute nach Baalbek führte. Sofort nahm ein hoch qualifiziertes deutsches Archäologen-Team seine Restaurierungsarbeiten auf, trug Schutt ab, richtete umgestürzte Säulen wieder auf. Eine Schrifttafel aus weißem Marmor im Inneren des Tempelbezirks zeugt noch heute von dieser architektonischen Glanzleistung.
An ein freies und unabhängiges Libanon war jedoch damals noch nicht zu denken. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte das Osmanische Reich auch das östliche Mittelmeer fest im Griff. Nach seiner Auflösung füllten die Franzosen einen Teil des entstandenen Machtvakuums. Bis zum Jahre 1941. Erst dann rief ein französischer General die unabhängige souveräne Republik Libanon aus. Mit einer Verfassung aus dem Jahre 1923, in der wie damals unter den Römern Staat und Religion eine enge Verbindung eingingen.
Darin war festgelegt, dass das Land im Unterschied zu allen anderen arabischen Ländern nicht als muslimisch gelten sollte. Vielmehr waren alle großen Religionen des Landes in den Verfassungsrahmen eingebaut: der Präsident der Republik hatte stets ein Christ zu sein, der Premierminister dagegen ein sunnitischer Muslim und der Parlamentspräsident ein schiitischer Muslim. Selbst die 128 Abgeordnetensitze wurden zu gleichen Teilen zwischen Christen und Muslimen aufgeteilt. Geschaffen wurde somit ein System gegenseitiger Garantien, das die Vorherrschaft einer Gemeinschaft über die andere verhindern sollte.
Das Modell funktionierte für mehrere Jahrzehnte und der Libanon entwickelte sich als eine Wohlstandsinsel, zur „Schweiz des Nahen Ostens“, bis Mitte der siebziger Jahre der unselige Bürgerkrieg über das Land hereinbrach, der bis zum Jahre 1983 weite Teile des Landes verwüstete und das erprobte religiöse Zusammenleben der Kulturen jäh beendete.
Nur langsam und oftmals unterbrochen von Auswüchsen der Gewalt bietet sich dem Land zwischen Libanon und Antilibanon eine friedliche Perspektive. Davon profitiert auch die Tempelanlage von Baalbek, die sich nun ihren Besuchern wieder eindrucksvoll präsentiert.
„Verglichen mit allem, was wir in den antiken Städten Italiens, Griechenlands und anderer Teile Asiens sahen“, schwärmte schon 1751 der Engländer Robert Wood, der hier eine erste detaillierte Vermessung vornahm, „haben wir hier den kühnsten Plan vor uns, der je in der Architektur in Angriff genommen wurde.“ Eine Feststellung, die bis heute keinen Widerspruch zu dulden scheint.
In der Tat sind es die gewaltigen Dimensionen, die den Besucher an diesem Ort in ihren Bann ziehen. Zunächst gilt es, die Stufen der großen Freitreppe im Osten der Anlage zu erklimmen und die mächtigen Propyläen zu durchschreiten. Dahinter findet sich aber erst der hexagonal angelegte Tempelvorhof, wiederum gefolgt von dem hundert mal hundert Meter großen Altarhof, versehen mit kunstvollen Steinreliefs.
Erst dann öffnet sich im Westen nach einer erneuten Freitreppe das Areal des Jupitertempels, damals wie heute das repräsentative Zentrum dieser mächtigen Anlage. Mit ihm ist dem Römischen Weltreich offensichtlich der Versuch gelungen, alle seine Kräfte an diesem einen Punkt zu bündeln, um damit Göttern und Menschen in gleicher Weise zu imponieren.
Blickfang ist vor allem die Säulenreihe mit ihren sechs riesigen Steinsäulen. Sie allein hat der Zahn der Zeit unangetastet gelassen. Aber gerade deswegen wirken sie als antike Kulisse umso eindrucksvoller. Aus der Froschperspektive betrachtet, scheinen die Kapitelle der zwanzig Meter hohen Säulen mit den Wolken zu spielen. So überrascht es nicht, dass der Staat Libanon sie – neben der Libanon-Zeder – in den Rang eines nationalen Wahrzeichens erhoben hat.
Parallel dazu im Süden der Anlage der noch gut erhaltene Bacchustempel, der schon als Nebengebäude der Anlage größer ist als der Parthenon-Tempel auf der Akropolis in Athen. Erst später wurde er an seiner Eingangsfassade von den Arabern noch mit einem „Mameluckenturm“ versehen. Einen Steinwurf davon entfernt erheben sich der Musentempel und der Venustempel. Und, um das Maß voll zu machen, finden sich noch etwas weiter im Hintergrund die Anlagen eines antiken Odeons.
Nach diesem Besichtigungsmarathon verschließt sich niemand dem Vorschlag, den Suq der Stadt zu besuchen und ihn mit all seinen Farben und Gerüchen des Orients in sich aufzunehmen. Und was liegt anschließend näher, als sich in einem der Kaffeehäuser bei Tee und Wasserpfeife unter die Einheimischen zu mischen.
Doch auch dort stellt sich im Gespräch immer wieder die Frage, ob der in der Verfassung festgelegte libanesische Balanceakt angesichts auseinander driftender politischer Kräfte eine Zukunft hat. Niemand kann es sicher sagen. So bleibt schließlich nur ein Schulter zuckendes „Insch’allah“.
Reiseinformationen:
Die Anreise in den Libanon erfolgt über den internationalen Flughafen in Beirut. Er wird u.a. angeflogen von der Lufthansa oder den Middle East Airlines (MEA), Libanons nationaler Fluggesellschaft. Natürlich ist auch eine Anreise von Syrien/Damaskus aus denkbar für einen Tagesausflug nach Baalbek.
Erforderlich für die Einreise ist ein Reisepass mit mindestens 6-monatiger Gültigkeitsdauer. Ein Touristenvisum erhalten Einreisende aus Deutschland am Flughafen.
In Beirut und allen anderen größeren Städten gibt es Hotels in allen Preisklassen. Eine Buchung empfiehlt sich über ein auf den Libanon spezialisiertes Reisebüro.
Währung ist das Libanesische Pfund. Geldwechsel ist möglich in den Banken und Hotels. Kreditkarten werden in den meisten Hotels, Restaurants und Geschäften akzeptiert.
Libanesische Botschaft, Berliner Straße 126, 13187 Berlin, Tel. 030-4749860, Fax. 030-47498666, Öffnungszeiten: Schalter: Mo-Fr: 8.30-12.00, Büro: Mo-Do: 8.00-15.00, Fr: 8.00-14.00.
Ministry of Tourism
E-Mai.:-mot@ebanon-tourism.gov.lb
Internet: -www.Lebanon-tourism.gov.lb
“Libanon” aus der Reihe Reise Know How, ISBN 3-89662-087-8
Mit Sternekoch Johann Lafer durch die Steiermark
(01.06.2009)
Fiji - Eine Reise an die Datumsgrenze
(20.01.2009)
Linz - Europas Kulturhauptstadt 2009
(25.09.2008)
(21.09.2008)
(12.09.2007)
Der Libanon: Schnittpunkt vieler Völker und Kulturen
(12.08.2006)