Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
11.05.2011
Foto: Bernd Kregel
Zuletzt bäumte sie sich auf, stöhnte, zerbrach und versank. Es war der leidvolle Karfreitag eines stolzen Schiffsgiganten, dem ein scharfkantiger Eisberg die Seite geöffnet und ihm damit den Todesstoß versetzt hatte. „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ mögen manche geschrieen haben, als sie vom hoch aufragenden Heck hinunter ins eiskalte Wasser stürzten. Oder stammelten sie eher ein letztes „Näher mein Gott zu Dir“, das die Bordkapelle noch kurz vor dem Ende angestimmt hatte?
Die Passion dauerte nur wenige Stunden. Und dennoch fraßen sich die Ereignisse vom Untergang der „Titanic“ tief ein ins Bewusstsein derer, die unmittelbar am Geschehen beteiligt waren. „A night to be remembered“, hieß es in der Bewältigung ihrer Erinnerung. Und später ebenso auch für alle Anderen, die das unglaubliche Geschehen zunächst nicht begreifen konnten.
Aus dieser hochgradig emotionalen Auseinandersetzung heraus wird verständlich, wie sich das reale Passionsgeschehen jener Nacht allmählich wandelte vom leidvollen Nichtverstehen zu einem neuen Auferstehen. Denn mit der Überwindung des kollektiven Schocks in den Herzen der Menschen nahm immer stärker der „Mythos Titanic“ Gestalt an: ein Mythos, der einmündete in die Erkenntnis von der Möglichkeit des Unmöglichen und der Verwundbarkeit des Unverwundbaren.
Unüberhörbares Aufatmen in Belfast
Am stärksten traf das grenzenlose Erschrecken die nordirische Stadt Belfast, wo die „Titanic“ mit Hingabe und Stolz erbaut worden war. Hatte man etwas falsch gemacht? Oder warum sonst war es so unverhofft zu diesem tragischen Ende gekommen? „She was alright when she left here“, setzten die Belfaster kleinlaut dagegen, wenn sie den Vorfall über die Jahrzehnte hinweg zu verdrängen versuchten. Gab es doch genügend andere Probleme, die der zerstörerische „German Blitz“ im Zweiten Weltkrieg sowie der anhaltende Terror des Nordirland-Konflikts bis in die Gegenwart hinein mit sich brachten.
Nach diesen lang anhaltenden leidvollen Erfahrungen hat inzwischen auch in der nordirischen Hauptstadt eine unübersehbare Auferstehung Einzug gehalten. Seit der offiziellen Beilegung des lähmenden Konflikts, der stellenweise einem Bürgerkrieg gleichgekommen war, blüht die Stadt nun geradezu auf, und ein gelassener Alltag sprießt allenthalben hervor. Es ist wie ein unüberhörbares Aufatmen, das an allen Ecken und Enden spürbar wird. Und nicht zuletzt ist es das in diesem Jahr anstehende „Titanic“-Jubiläum, das zu dieser Entwicklung wesentlich beiträgt: der hundertste Jahrestag ihres Stapellaufs am 31. Mai 2011.
Aus der einstigen Verdrängung ihres Untergangs wird nun plötzlich wieder ein brennendes, ja stolzes Interesse an ihrer Entstehung und der damit verbundenen vieltausendfach erbrachten handwerklichen Leistung: „She was alright when she left here!“ heißt es nun wesentlich selbstbewusster. Und in einer beeindruckenden „Walking Tour“ werden auf dem Werftgelände der legendären Schiffsbaufirma „Harland and Wolff“ alle jene Orte präsentiert, die einst mit dem Bau der „Titanic“ in Zusammenhang standen.
Von der Vision zur Konstruktion
Chronologisch korrekt bildet jener Tagungsraum den Anfang, in dem einst die mutige Entscheidung fiel, gleich drei Superschiffe der Extraklasse in Belfast zu erbauen. Neben der „Titanic“ die beiden Schwesterschiffe „Olympic“ und „Britannic“, die vor dem „Titanic“-Desaster noch „Gigantic“ heißen sollte. Zur Beratung und Unterschrift waren alle jene Visionäre erschienen, die sich von ihren Plänen einen Durchbruch für den internationalen Schiffsbau versprachen: von Bruce Ismay als Repräsentant der „White Star Line“ über William Pirrie von „Harland and Wolff“ bis hin zu Thomas Andrews, dem Chefkonstrukteur der „Titanic“.
Dessen Reich war gleich nebenan in der großen von Licht durchfluteten Planungshalle, in der an langen Holztischen von zahlreichen Zeichnern die Baupläne erstellt wurden. Sechzehn Rettungsboote waren die gesetzliche Vorgabe für Passagierschiffe ab 10.000 BRT. Vorsichtshalber plante man zwanzig und fühlte sich damit auf der sicheren Seite. Denn dass es auf der „Titanic“ mit ihren 46.000 BRT jemals zu einem Notfall kommen könnte, damit rechnete man damals ebenso wenig wie Jahrzehnte später bei der friedlichen Nutzung der Kernkraft.
Nicht ohne einen Anflug von Feierlichkeit geht es anschließend hinaus ins Freie auf das frühere Werftgelände. Dorthin, wo einst die „Titanic“ zeitgleich mit ihrem Schwesterschiff, der „Olympic“, gebaut wurde und beide in ihren Metallgerüsten parallel nebeneinander in gigantische Höhen hinauf wuchsen. Noch konnte damals niemand ahnen, dass ausgerechnet die „Titanic“ später einmal den Bekanntheitsgrad der Arche Noah erreichen sollte und im Ranking internationaler Markenzeichen weltweit hinter „Coca Cola“ den zweiten Rang einnehmen würde.
Das Beste und Modernste der damaligen Zeit
Am 31. Mai 1911 war es dann endlich soweit. Zusammengehalten von drei Millionen Stahlnieten lief der Schiffsrumpf mit seinen drei riesigen Schiffsschrauben auf einer heute noch erkennbaren schiefen Ebene in genau 62 Sekunden von Stapel. Ab diesem Zeitpunkt sollte es jedoch noch einmal ein knappes Jahr dauern, bis die „Titanic“ innen und außen komplett ausgestattet war. Dazu wurde sie hinein gezogen in ein maßgeschneidertes Dock, das mit Hilfe neuester Technik innerhalb weniger Stunden leer gepumpt werden konnte und in seinen riesigen Ausmaßen noch heute bewundert werden kann.
Hier wurden nun in Rekordzeit die vier Schornsteine montiert, der Rumpf gestrichen und die Innenräume auf Hochglanz gebracht. Denn immerhin war es Teil des Gesamtplanes, das Beste und Modernste hervorzubringen, zu dem die damalige Technik imstande war. Denn zweifelsohne war Belfast, wie heute kaum noch bekannt, zur damaligen Zeit das unübertroffene Zentrum des weltweiten Schiffsbaus. Ein Umstand, bei dem berechtigter Stolz und überzogene Hybris nicht selten eng beieinander lagen.
Der Rest ist Geschichte, die nun im Jubiläumsjahr mit zahlreichen Veranstaltungen erneut zum Leben erweckt wird: mit Schauspielen und Vorträgen, mit Schiffs-Erkundungsfahrten und Ausstellungen. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen jedoch steht die zentrale Gedenkfeier zum hundertsten Jubiläum des Stapellaufs, ein Event, zu dem Ende Mai 2011 viele Gäste erwartet werden, die sich der Stadt und dem Luxusliner verbunden fühlen.
Zementierte Unsterblichkeit im „Titanic Belfast“
Und doch weist der Mythos der „Titanic“ über diesen Tag hinaus. Er ist fest fixiert auf jene Nacht des 14./15. April 1912, an dem geschah, was nicht geschehen durfte. Die durch dieses Ereignis gewonnene Unsterblichkeit wird nunmehr zementiert durch einen Museumskomplex, der unter dem Namen „Titanic Belfast“ genau dort entsteht, wo einst beim Bau der „Titanic“ die Spitze ihres Bugs empor ragte.
In kühnen Formen, die an das großflächige Zusammenspiel eben solcher Bugspitzen erinnern, hat die Außenfassade bereits Gestalt angenommen, und zum hundertsten Gedenktag der „Titanic“-Tragödie soll das gesamte Projekt vollendet sein. Als ein großer Wurf, wie sich heute bereits erkennen lässt, erinnert es doch in seiner Kühnheit entfernt an das Guggenheim-Museum in Bilbao oder vielleicht sogar an das Opernhaus von Sydney.
Auch bei der Innenausstattung wird deutlich, welch architektonischer Treffer hier gelandet wurde. Bei vier ineinander verschachtelten Stockwerken wird in neun Galerien das tragische Schicksal der „Titanic“ durchbuchstabiert. Den Ausgangspunkt dabei bildet die Stadt Belfast, jenes „Boomtown“, dem neben einem hoch entwickelten Schiffsbau einst die Tuch- und Seilindustrie zu einem respektablen Wohlstand verhalf.
Legendenbildung um den Untergang
Dann jedoch folgt in zahlreichen Original-Gegenständen und -Dokumenten die thematische Auseinandersetzung mit dem Schicksal der „Titanic“ von ihrer Entstehung bis zu ihrem Untergang. Aber nicht zuletzt sind es die vielfachen Legenden, die sich um den Untergang ranken und vielleicht sogar die größte Neugier hervorrufen. War sie es wirklich, die damals versank oder nicht vielmehr – aus Versicherungsgründen – ihr gut getarntes Schwesterschiff „Olympic“? Und welche Rolle spielte bei ihrem Untergang die an Bord befindliche ägyptische Mumie der „Prinzessin von Amun Ra“, die ein amerikanischer Käufer mit sich führte und die schon im Vorfeld für erhebliches Aufsehen gesorgt hatte?
Wie unaufgeregt und zugleich ausdrucksstark doch dagegen das „Titanic“-Denkmal im Schatten des prächtigen Rathauses von Belfast. Es zeigt auf einem hohen Steinsockel die griechische Göttin des Todes, der von Wassernixen – stellvertretend für alle anderen Opfer des Unglücks – ein lebloser Körper aus der Tiefe heraus entgegen gereicht wird. Eine ergreifende Geste, die in ihrer Schlichtheit sicherlich geeignet ist, allen Mutmaßungen und Spekulationen um den Untergang der „Titanic“ ein angemessenes Ende zu bereiten.Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
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