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Libyen Die Vergessenen im Hafen von Bengasi

Paul Schemm

05.03.2011

Bengasi – Sehnsüchtig blicken die im Hafen von Bengasi Gestrandeten der libyschen Ostküste entgegen, an der ein ums andere mal ein Rettungsschiff am Horizont erscheint. Während der kühle libysche Winterwind über den Kiesstrand weht, sitzen die Wanderarbeiter zitternd in baufälligen Lagerhallen. Verzweifelt sehen sie dabei zu, wie die Frachter ihre Kollegen aus wohlhabenderen Ländern mit nach Hause nehmen, weg von der Gewalt in Libyen.

Die Vergessenen selbst stammen überwiegend aus Ländern südlich der Sahara und aus Bangladesch und stecken schon seit Tagen im Hafen fest.

Viele von ihnen wissen nur zu gut, dass nur jene den blutigen Unruhen entfliehen können, die eine mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten ausgestattete Heimatregierung haben. "Es ist gefährlich, und wenn du keine Firma hast, wird dich niemand mitnehmen", sagt der 22-jährige Maruf Khan aus Bangladesch. "Ich habe kein Geld und kann kein Arabisch."

180.000 Wanderarbeiter über Grenzübergange geflohen

Mehr Glück haben auch jene Arbeiter, deren Heimatländer nicht weit von Libyen entfernt sind. So haben mehr als 180.000 aus dem Millionenheer ausländischer Arbeiter in Libyen bereits die Grenzübergänge zu Ägypten und Tunesien überrannt, um sich in Sicherheit zu bringen. Der sudanesische Konsul in Bengasi, Chalid Abbas Ahmed, erklärt, in der vergangenen Woche seien mindestens 2.500 Sudanesen mit Minibussen von Bengasi an die ägyptische Grenze gebracht worden. Von dort ginge es dann zur sudanesischen Botschaft in Kairo, die sie entweder auf dem Luftweg oder über den Nil in ihre Heimat zurückbringe, sagt Ahmed. Außerdem seien die Sudanesen den Libyern wohlbekannt und würden daher nicht fälschlicherweise für Söldner gehalten.

"Sie mögen keine Schwarzen"

Tatsächlich treibt viele der afrikanischen Gestrandeten im Hafen von Bengasi die Angst vor gewalttätigen Angriffen um, kursieren doch im ganzen Land Berichte über blutrünstige Söldner aus dem Süden, die im Auftrag Muammar al Gaddafis Regierungsgegner töteten. In einigen Städten wurde an mutmaßlichen Söldnern Lynchjustiz verübt, in Bengasi sitzen mehr als ein Dutzend Afrikaner ein, die von Gaddafis fürs Morden bezahlt worden sein sollen. Die meisten Inhaftierten erklärten jedoch, sie seien nur einfache Wanderarbeiter. Aus Furcht haben nun viele im Hafen von Bengasi Zuflucht gesucht.

Der Tagelöhner Abdel Basset ist einer von ihnen. "Wir verlassen unsere Länder, um hier zu arbeiten, und jetzt gibt es Probleme", sagt der magere 27-Jährige aus Äthiopien, der sich illegal in Libyen aufhält. "Sie mögen keine Schwarzen. Wenn wir rausgehen, töten sie uns vielleicht." Basset gehört der muslimischen Minderheit der Oromo an, die in Äthiopien um ihre Unabhängigkeit kämpfen. Das Problem sei, dass Gaddafi schwarze Menschen angeheuert habe, um sie als Soldaten einzusetzen, sagt sein 27-jähriger Leidensgenosse Mohammed Ibrahim.

"Keiner nimmt mich mit"

Der 22-jährige Maruf Khan arbeitete für ein libysches Unternehmen, bevor ihn die Welle der Gewalt an den Strand Bengasis spülte. "Ich hoffe die ganze Zeit, dass noch ein Schiff kommt, aber meine Regierung schickt keines", sagt er. "Die ganze Zeit sehe ich große Schiffe kommen, aber mich nimmt keiner mit."

Die jüngste Rettungsaktion der britischen Fregatte "HMS Cumberland" bestätigt die Worte des Wanderarbeiters. Während der Frachter am Hafen Bengasi anlegte, um unter anderem einige Hundert Staatsbürger aus Großbritannien und den USA zu evakuieren, konnten die Afrikaner und Bangladescher nur aus der Ferne zuschauen.

Vergessenen erfahren praktische Hilfe

Indes schlägt den Vergessenen von Bengasi nicht nur blanker Rassismus und Feindseligkeit entgegen. So haben es sich Vertreter des neu formierten Volkskomitees in Bengasi zur Aufgabe gemacht, den Flüchtlingen praktisch zu helfen. "Sie tun alles für dich, geben dir Milch, Medikamente, Suppe und Shampoo", sagt der 29-jährige Daniel Ibrahim, der seit der vergangenen Woche in dem Hafenlager lebt.

Der Ghanaer Ibrahim Mussa scheint sich trotz seiner misslichen Lage sein Lachen bewahrt zu haben. Erst einmal will er den Hafen nicht verlassen. "Wir brauchen Hilfe. Wir würden ja überall hingehen, aber wer nimmt uns auf?", fragt er, während er sehnsüchtig auf ein Kreuzfahrtschiff blickt, das sich der Küste nähert. Auch diesmal wird es wohl nur Staatsbürger wohlhabenderer Staaten außer Landes bringen. Bei Mussa scheint sich nun doch Resignation eingestellt zu haben. "Nur die Weißen dürfen gehen. Die Schwarzen müssen hier bleiben."

(dapd)

 

 

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