Fernreisen - Die Welt entdecken – Die Wiederentdeckung der Transsibirischen Eisenbahn – Bernd Kregel / Gastautor
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Eintauchen in die Seele des Ostens Die Wiederentdeckung der Transsibirischen Eisenbahn

Bernd Kregel / Gastautor

30.08.2010

Foto: Bernd Kregel

Foto: Bernd Kregel

Ein jäher Ruck beendet die erwartungsvolle Stille am leeren Bahnsteig. In schneller Folge durchläuft er mit hartem metallischem Aufprall die lange Waggonreihe und gibt damit das unüberhörbare Signal zur Abfahrt des Zuges. Ächzend legt sich die schwere Lokomotive ins Zeug. Doch nur langsam verlässt sie unter Schonung der in ihr schlummernden Kraftreserven den Kasaner Kopfbahnhof der quirligen Metropole Moskau.

Bahnhofsalltag? Nicht für die Passagiere der „Transsib“, wie sie liebevoll von ihren Verehrern genannt wird, die sie nach Jahren zögerlicher Zurückhaltung neu für sich entdeckt haben. Für sie ist dies ein in  fast liturgischer Feierlichkeit vollzogener Akt des Aufbruchs. Der tief empfundene Beginn eines Reiseabenteuers auf der längsten Eisenbahnstrecke der Welt, das erst auf der anderen Seite des eurasischen Doppelkontinents sein Ende finden soll. Stets entgegen dem „Licht aus dem Osten“, das schon immer die Fantasie der Europäer beflügelt hat.

Noch aber überwiegen die gemischten Gefühle, denn die Kühnheit dieses außergewöhnlichen Reisevorhabens steht außer Zweifel. Doch schon bald nach Sonnenuntergang gewinnt bei neuer Tischgemeinschaft im festlich eingedeckten Speiserestaurant eine heitere Atmosphäre die Oberhand. Und plötzlich ist sie wieder da, die seit Monaten herangereifte und für einen kurzen Moment verloren geglaubte Abenteuerlust. Jene der langen Traumvorstellung entsprungene Aufbruchstimmung, einmal im Leben die Weite des asiatischen Raumes Stück für Stück auf dem Landwege zu durchmessen. Hinein in fremde Landschaften und Kulturen mit bewegter und oftmals auch bewegender Geschichte.

Добро пожаловать - Dobro paschalowatsch: Herzliches Willkommen durch die Waggonschaffnerin.
Добро пожаловать - Dobro paschalowatsch: Herzliches Willkommen durch die Waggonschaffnerin.

Foto: Bernd Kregel

Die Reiseroute ist vorgegeben durch den Schienenstrang, der – entlang des „längsten Bahnsteigs der Welt“ – die einzelnen Reiseziele wie Perlen an einer Perlenschnur miteinander verbindet. Ein über das Land geworfenes eisernes Band, das bereits zur Zarenzeit dazu diente, das riesige und unzugängliche sibirische Hinterland wirtschaftlich zu erschließen.

Allein die Überwindung der breiten Ströme stellte dabei eine gewaltige technische Herausforderung dar. Auf europäischer Seite zunächst die Wolga, größter Fluss des Kontinents und daher nach russischem Empfinden die „Mutter der Flüsse“. Tiefe Spuren hat sie auf ihrem langen Weg nach Süden in der russischen Volksseele hinterlassen, genährt von abenteuerlichen Geschichten und unauslöschlichen Bildern. Denn wer könnte je den Anblick der geschundenen Treidler vergessen, die einst auf schlecht befestigten Uferpfaden allein mit ihrer Muskelkraft die schwer beladenen Lastkähne flussaufwärts ziehen mussten?

Teil dieser abenteuerlichen Vergangenheit ist auch die Stadt Kasan, die einstige Hauptstadt des Tatarenreiches mit ihrem stark befestigten Kreml hoch über dem steilen Wolgaufer. Ihre Wehrhaftigkeit musste irgendwann die auf Expansion bedachten Russen und Kosaken herausfordern. Zar Iwan dem Schrecklichen schließlich gelang das militärische Meisterstück, die Stadt unter seine Gewalt zu bringen. Eine Leistung, für die er sich mit der „steinernen Blume“ der Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau  belohnte.

Doch schon östlich der Wolga wird es eng für Europa. Denn hier türmt sich der Ural als ein natürlicher Grenzwall auf vor den Weiten der sibirischen Steppe. Im Schutz dieser lang gezogenen Barriere begannen einst die Kosaken ihren sibirischen Eroberungszug, in dessen Verlauf sie dem Zarenreich schließlich ein nahezu grenzenloses Territorium zu Füßen legten, voll von üppigen Bodenschätzen, die zum größten Teil noch heute auf ihre Erschließung warten.

Zahllose Kurven und Tunnels am Baikalsee: Stets neu öffnet sich der Blick.
Zahllose Kurven und Tunnels am Baikalsee: Stets neu öffnet sich der Blick.

Foto: Bernd Kregel

Vor allem war es Zar Peter der Große, der sich bereits vor dreihundert Jahren dieser Herausforderung stellte. So gründete er aus wirtschaftlichem Interesse die Stadt mit dem heutigen Namen Jekaterinburg, der sogleich die Hauptstadtrolle in der Uralregion zufiel. Wer hätte damals in der Aufbruchstimmung des 18. Jahrhunderts geahnt, dass in den Wirren der Russischen Revolution mit der Ermordung der Zarenfamilie ausgerechnet hier die Schicksalsstunde des Zarenreiches schlagen würde? Längst sind die Überreste von Zar Nikolaus II. und seinen Angehörigen nach St. Petersburg überführt worden.

Umso erstaunlicher, wie sehr sich die russische Volksseele noch heute der einstigen Romanow-Dynastie innerlich verbunden weiß. Denn der Zarenkult hat in den letzten Jahren geradezu religiöse Züge angenommen. Nicht nur wegen der inzwischen erfolgten Heiligsprechung der Zarenfamilie. Hinzu kommt die neu errichtete, mit goldenen Kuppeln die Altstadt überragende „Erlöser-Kathedrale auf dem Blut“, in der prächtige Zaren-Ikonen zur innigen Verehrung einladen. Ein nachträglicher Sieg der Monarchie über den Sozialismus in den Herzen der russischen Bevölkerung?

Und schon geht es weiter in Richtung Osten, wo – im Zentrum Sibiriens – der mächtige Ob dem Nördlichen Eismeer entgegen strömt. Dort wurde mit der Errichtung der stählernen Eisenbahnbrücke einst auch die Geburtsstunde der Stadt Nowosibirsk eingeläutet. Mit einem unglaublich großzügig gestalteten Opernhaus setzt die Stadt heute kulturelle Maßstäbe in einer nur wenig erschlossenen Region. Ähnlich imponierend, weiter östlich, auch die Stadt Krasnojarsk an den Ufern des Jenissei, die hier mit ihrer gut erhaltenen zaristischen Architektur einen nicht minder kulturellen Höhepunkt bildet.

Heitere Atmosphäre bei neuer Tischgemeinschaft im festlich eingedeckten Speiserestaurant.
Heitere Atmosphäre bei neuer Tischgemeinschaft im festlich eingedeckten Speiserestaurant.

Foto: Bernd Kregel

Unübertroffenes Ziel der Träume und Sehnsüchte ist jedoch der von der Volksseele längst zum Mythos erhobene Baikalsee. Hingebungsvoll gepriesen in vielen Gesängen, ist er in seinen riesigen Ausmaßen zugleich das größte Süßwasser-Reservoir der Welt. Eine Eisenbahnfahrt auf der am südwestlichen Seeufer verlaufenden alten Bahntrasse lässt selbst Fremde in diese Verehrung einstimmen. Besonders dann, wenn sich von einem der begehrten Stehplätze über den Rädern der Diesellok bei zahllosen Kurven und Tunnels stets neu der Blick öffnet auf die mit der Weite des Horizonts verschmelzende Wolken spiegelnde Wasseroberfläche.

Aus mehr als dreihundert Zuflüssen speist sich der einzige Ausfluss des Sees, die träge dahin strömende Angara. An ihren Ufern liegt ganz in der Nähe die Stadt Irkutsk. Hoch ragt am Rande kunstvoll verzierter sibirischer Holzhäuser auf einer Säule das Standbild zu Ehren von Zar Alexander III. empor, der einst - wagemutig genug - die Transsibirische Eisenbahn gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Auftrag gab.

Nach Ulan Ude, der Hauptstadt Ostsibiriens, ist der Grenzübertritt zur Mongolei angesagt. In deren Hauptstadt Ulaan Baatar hat der vor zwei Jahrzehnten vollzogene Übergang vom Sozialismus zur Marktwirtschaft einen wahren Bauboom ausgelöst. Endlich darf nun auch wieder der bis dahin verbotene Name des einstigen Mongolenherrschers Dschingis Khan laut ausgesprochen werden. Und auch die erstklassigen folkloristischen Darbietungen lassen darauf schließen, dass die mongolische Volksseele im Begriff ist, ihre eigene Identität neu zu artikulieren.

Mongolisches Musikerduo mit den legendären Pferdekopfgeigen.
Mongolisches Musikerduo mit den legendären Pferdekopfgeigen.

Foto: Bernd Kregel

Südlich der Wüste Gobi heißt es nun an der chinesischen Grenze Abschied zu nehmen von der „Transsib“, die in ihrer speziellen Variante als „Zarengold“-Sonderzug ausreichend Zeit ließ für Stopps bei den Höhepunkten und Besonderheiten an der Strecke. Nun gilt es umzusteigen in einen chinesischen Nachtzug mit dem Ziel Peking, dem Ausgangspunkt des Rückflugs in den europäischen Westen.

Deutlich zeigt der Rückblick auf die lange Reise entlang des Schienenstranges eine Welt im Wandel. Eine Entwicklung, bei der nach langer Zeit der Fremdbestimmung nun die wirklichen Interessen der Bevölkerung stärker im Vordergrund zu stehen scheinen. Dies ist eine der schönsten und zugleich wertvollsten Erkenntnisse beim einfühlsamen Eintauchen in die Seele des Ostens.

Info: Lernidee Erlebnisreisen, www.lernidee.de, team@lernidee.de, Tel. 030-786 00 00

 

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