Aktuelle Nachrichten – Europa
28.05.2011
Foto: AP Photo/Ronald Zak
Wien – Als an einem späten Abend im Jahr 1942 jemand an die Tür von Edeltrud Becher klopfte, befürchtete sie das Schlimmste. Schließlich war es Wien im Dritten Reich, nächtliche unangekündigte Besucher kamen oft von der Gestapo. Stattdessen standen ihr jüdischer Verlobter und dessen zwei Brüder vor ihr. Becher entschloss sich, die Juden vor den Nazis zu verstecken.
Die 94-jährige Edeltrud Becher – heute Posiles – ist die letzte noch lebende Österreicherin, die während des Naziregimes Juden in ihrem Haus versteckte. Insgesamt waren es 88 Österreicher, die den Titel "Gerechte unter den Völkern" für die Rettung von Juden während des Holocausts verliehen bekamen. Ihre Namen wurden unter anderem an der Ehrenmauer im Garten der Gerechten in Jerusalem eingraviert.
Posiles Verlobter und seine Brüder waren nach dem Anschluss Österreichs nach Prag geflohen. Als die Stadt ebenfalls unter Naziherrschaft kam und sie aufgefordert wurden, ihre Sachen zu packen, um ins KZ gebracht zu werden, unternahmen sie einen letzten gewagten Versuch, ihre Leben zu retten. Sie schrieben Abschiedsbriefe, um die Soldaten zu überzeugen, dass sie Selbstmord begangen hätten. Dann nahmen die Juden einen Nachtzug zurück nach Wien, mitten ins Nazi-Kernland.
"Ich hatte nie Zweifel", sagt Edeltrud Posiles heute über ihre Entscheidung, die drei Männer zu verstecken. Und auch wenn die Ehe mit Walter Posiles schließlich in einer Scheidung endete, würde sie es wieder machen, erklärt sie. Immer wieder kam es während dieser Zeit zu Momenten, in denen die Juden beinahe entdeckt wurden.
Einmal kam Fritz, der Verlobte von Edeltrud Posiles Schwester früher von der Front zurück, zu einer Zeit, als die drei jüdischen Männer in dessen Wohnung waren. "Ich konnte ihn auf der Treppe so lange aufhalten, dass sie ihre Sachen nehmen und über den Balkon in die Freiheit springen konnten", erzählt Posiles.
Obwohl ein Verlassen ihrer Verstecke für Juden gefährlich war, gingen sie ab und zu auch nach draußen. Posiles hielt ihre Handtasche in die Höhe, um ihnen zu zeigen, dass die Luft rein war.
"Einmal war ich mit Walter in einem Kaffeehaus", sagt Posiles über eine andere gefährliche Situation. "Minuten später stürmt die Gestapo herein und suchte nach Deserteuren. Walter gab vor ein Kellner zu sein, nahm ein paar Zeitungen und verteilte sie unter den Gästen."
Auch das Einkaufen mit gefälschten Essensmarken sei ein riskantes Unterfangen gewesen, doch schließlich musste sie die Männer auch versorgen. Wäre sie entdeckt worden, hätte Edeltrud Posiles mit der Todesstrafe rechnen müssen.
Am Ende überlebten sowohl Walter Posiles, als auch sein Bruder Ludwig. Hans, der Älteste, wurde am Ende des Krieges von einer russischen Bombe getötet.
Der deutsche Industrielle Oskar Schindler und der schwedische Diplomat Raul Wallenberg sind bekannt dafür, dass sie Tausende Juden retteten, doch auch viele andere versteckten einige wenige und riskierten damit ihr Leben, so wie Edeltrud Posiles. Zuletzt wurde sie mit einer eigenen Ausstellung in Wien geehrt, die Anfang Mai zu Ende ging. (dapd)
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