Aktuelle Nachrichten – Mode
11.01.2012
Foto: Domenico Vacca
Koffer, Kisten, Flakons, Zigarrenhalter und sogar Loungesessel kann man hier kaufen. Auf den ersten Blick wirkt „Domenico Vacca" wie eines von vielen Luxusgeschäften, doch hinter dem großen „DV" steht ein idealistischer Intellektueller mit einem Hauch Spiritualität.
Wir alle kennen das Gefühl, wenn uns unser Kleiderschrank anödet - der Moment morgens, wenn wir davor stehen und doch nichts Passendes finden. Die meisten von uns analysieren diesen Moment nicht tief genug und wir gehen wieder das einkaufen, was uns in ein paar Monaten mit der altbekannten Öde quälen wird.
Für Vacca resultiert dieser Teufelskreis daraus, wenn man seinen eigenen Stil nicht gefunden hat - also zu einem „Trendsklaven" geworden ist. Für Vacca besteht „Trendsklaventum" nicht nur aus Geldverschwendung oder darin, ein modisch unorigineller Mensch zu sein, ihm geht es vielmehr darum, ein wirklich reiches und individuelles Leben zu führen.
Eine Erfolgsgeschichte mit Fundament
Nach der Gründung seines Unternehmens 2001 hat sich Domenico Vacca auf dem internationalen Parkett sehr schnell einen Namen gemacht. Zwei Geschäfte in New York (in der Fifth Avenue und der Madison Avenue), je eines in Beverly Hills, Palm Beach und Miami; ein Geschäft in Moskau; eines in Doha in Katar und natürlich noch eines im Harrods in London, wo die exklusive DV-Damenkollektion untergebracht ist.
Der Erfolg aller acht Domenico Vacca-Boutiquen gründet auf über 100-jähriger Schneidermeisterkunst und der Arbeit von rund 250 Näherinnen in Neapel. Ein klassisches Jackett benötigt Minimum sechsunddreißig Stunden Handarbeit. Von der Stoffauswahl über das Zuschneiden, Nähen, der Ausarbeitung der Details, dem Bügeln bis hin zum Finish wird alles mit Schere, Nadel und Faden handgemacht - Laser oder Nähmaschinen kommen damit nicht in Berührung.
Kunden können aus einer bestehenden Kollektion wählen oder Stücke entwerfen lassen, die dann fertig zu ihnen geschickt werden. Eine Palette aus über 2000 Textilwaren steht zur Auswahl, aus Stoffen und Pelzen. Die Schneider gestalten den Stil und die Passform nach Wunsch.
Seitdem die italienische Zeitung la Repubblica ihn in einer Überschrift so betitelte, ist DV mitsamt Schneidern und zugehörigem Kundenservice als „Ferrari der Mode" bekannt. Der Begriff wurde viel zitiert und bringt DV viele neugierige Kunden, die auf der Suche nach Ideen für ihre Garderobe sind.
„Sie haben meistens überhaupt keine Ahnung, und wir helfen ihnen dabei, ihre Garderobe zuerst einmal zu entwickeln. Dabei geht es nicht darum, jede Saison einen neuen Stil auszuprobieren.", sagt Vacca.
Für Vacca ist individuelle Mode in einer demokratischen Gesellschaft essentiell. „Wir wollen, dass jeder einen eigenen Stil hat. Denn es sind unsere Vorlieben und Abneigungen, die uns zu dem machen, was wir sind. Sie machen uns interessant und sind genau das, was wir wollen - voneinander erfahren wollen."
Die großen Vorbilder in der Familie
Vacca wurde im süditalienischen Andria geboren. Seinen Vater nennt er den „bestgekleideten Mann Italiens". Seine Kindheit verbrachte er am Nähtisch seiner Großmutter, die ein Modehaus mit fünfzig Näherinnen betrieb. Der junge Domenico eignete sich das Geschäft mit blitzgescheitem, beinahe philosophischem Geist an. Er kombinierte Leidenschaft mit Kreativität, was ihn sowohl zu einem schneidernden Geschäftsmann als auch zu einem Modepuristen macht.
„Die Zeitschriften sollten die Konsumenten bilden", sagt Vacca. Er ist einer, der beklagt, dass die Modemedien mit den kommerziellen Designern zusammenarbeiten und damit in Sachen Trends immer das letzte Wort haben. Das hält seiner Ansicht nach die Konsumenten davon ab, wirklich zu verstehen, was sie da kaufen. „Unsere Marke ist anders. Man muss mit uns zusammenarbeiten, die Details verstehen - sie anprobieren. Wenn man mit Qualität in Berührung kommt, fängt man an, Qualität in allem und im Umgang mit Menschen zu schätzen", sagt Vacca. „Stil geht über die Kleidung hinaus."
Warum Handgenähtes länger hält
Punkt für Punkt kann er erklären, warum seine Schneider die Anzüge genauso machen und nicht anders. Dahinter stecken Jahrhunderte italienischer Schneidertradition, die eine unbezahlbare Kultur des Handwerks hinterlassen hat. Im Gegensatz zu maschinengefertigten passen handgenähte Kleider bis heute besser und sind, entgegen der allgemeinen Meinung, sogar noch langlebiger.
Wenn eine Maschine Nähte macht, werden hunderte Knoten hintereinander produziert, wobei jeder Knoten eine Spannung in sich, mit den anderen und mit dem Stoff verursacht. Bei einem maschinengefertigten Kleidungsstück gibt es also hunderte potentielle Bruchpunkte. Handgenähtes dagegen besteht aus einer kontinuierlichen Linie von Stichen, die sich mit den Bewegungen des Trägers dehnen und zusammenziehen können, es hält Tragen, Waschen und Bügeln viel besser aus, kurz, es biegt sich, statt zu brechen.
„Gewisse Dinge können nur handgefertigt werden" erklärt Vacca und deutet auf die Tasche einer Sportjacke. Der Eingriff ist nicht gerade, sondern verläuft in einer leichten Kurve. Leicht kurvige Taschenöffnungen wurden in den 1940ern entwickelt und sind anatomisch sinnvoller und strapazierfähiger als ganz gerade Schnitte, die ständig gedehnt werden, wenn man die Hand hineinsteckt.
Details wie diese machen den Unterschied zwischen handgemachter Kleidung und Massenprodukten. Die Summe der Erfahrung vergangener Generationen überlebte aufgrund dieser ausgeklügelten Details. Vacca möchte dieses Wissens an jüngere Generationen weitergeben. Es gelang ihm in einer Welt der Wegwerfmode, zumindest bei einer Gruppe junger Schneider die Liebe zu handgemachter Mode wieder zu entfachen.
Kurios: Die Fakten der Modegeschichte
Bei seinen intensiven Studien über die Vergangenheit, entdeckte Vacca auch einige überraschende Geschichten der westlichen Kleidungskultur. Antworten auf Fragen wie: Warum sind eigentlich Knöpfe an Jackenärmeln? Oder: Warum gibt es verschiedene Nähtechniken für Krawatten?
Vacca sagt, dass Zierknöpfe an den Ärmeln aus der Zeit Napoleons stammen. Der General hatte bemerkt, dass seine meist bäuerlichen jungen Soldaten sich ständig den Mund mit den Ärmeln abwischten. Das veranlasste Napoleon dazu, Zierknöpfe an die Ärmel nähen zu lassen, nur um dieser Unsitte entgegenzuwirken.
Die neunfach gefaltete Krawatte entstand während der industriellen Revolution. Die verarmenden Klassen begannen, ihre voluminösen Schals zu einem langen Streifen zu binden, um etwas seriöser und geschäftsmäßiger zu wirken. So, sagt Vacca, wurde die moderne Krawatte geboren ...
Die alte Welt wird digital
Doch Vacca durchforscht für gutes Design nicht nur die Geschichte. Er ist gleichzeitig ein Pionier im eigenen Geschäft. Seit Dezember hat auch er eine E-Commerce-Website. Es ist die erste Schneider-Website der Welt mit Angeboten für jeden Geschmack. Wegen der großen Nachfrage, erläutert er.
Ob nun online oder im Geschäft, Vacca besteht darauf, einen engen Kundenkontakt zu halten und der Philosophie seiner Marke treu zu bleiben. „Wir wollen unsere Expansion so gestalten, dass wir unsere Qualität beibehalten und unsere Kunden sehen können", betont er.
Der Entwicklung seiner Marke sieht er jedoch gelassen entgegen: „Ich schätze mich sehr glücklich, weil es für mich keinen Unterschied macht, ob ich gerade arbeite oder nicht arbeite." Er und seine Frau Julie, die auch Designerin ist, stehen hin und wieder Modell für ihre eigenen Kreationen. Auf Fotos sehen die beiden, zum Beispiel am türkisfarbenen Meer von Katar (sie in Seide und er im Geschäftsanzug), ziemlich entspannt aus.
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