Kultur – Dorsts Barbar und ein gefeierter Zwerg – Wolfgang Hübner
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Dorsts Barbar und ein gefeierter Zwerg

Wolfgang Hübner

30.07.2006

Stephen Gould spielt bei einer Probe für die Wagner-Oper "Siegfried" am 10. Juli 2006 in Bayreuth den Siegfried. Mit einer umjubelten Auffuehrung von Richard Wagners Oper "Siegfried" ist am Samstag, 29. Juli 2006 die Neuinszenierung von "Der Ring des Nibelungen" bei den Bayreuther Festspielen fortgesetzt worden. (AP Photo/Jens Meyer)
Stephen Gould spielt bei einer Probe für die Wagner-Oper "Siegfried" am 10. Juli 2006 in Bayreuth den Siegfried. Mit einer umjubelten Auffuehrung von Richard Wagners Oper "Siegfried" ist am Samstag, 29. Juli 2006 die Neuinszenierung von "Der Ring des Nibelungen" bei den Bayreuther Festspielen fortgesetzt worden. (AP Photo/Jens Meyer)
Gerhard Siegel, links, als Mime schaut zu wie Stephen Gould als Siegfried mit dem Wunderschwert Notung bei einer Probe für die Wagner-Oper "Siegfried" am 10. Juli 2006 in Bayreuth einen Globus spaltet. (AP Photo/Jens Meyer)
Gerhard Siegel, links, als Mime schaut zu wie Stephen Gould als Siegfried mit dem Wunderschwert Notung bei einer Probe für die Wagner-Oper "Siegfried" am 10. Juli 2006 in Bayreuth einen Globus spaltet. (AP Photo/Jens Meyer)
Gerhard Siegel spielt bei einer Probe für die Wagner-Oper "Siegfried" am 10. Juli 2006 in Bayreuth den hinterlistigen Zwergen "Mime". (AP Photo/Jens Meyer)
Gerhard Siegel spielt bei einer Probe für die Wagner-Oper "Siegfried" am 10. Juli 2006 in Bayreuth den hinterlistigen Zwergen "Mime". (AP Photo/Jens Meyer)

Bayreuth - Mit einer umjubelten Aufführung von Richard Wagners Oper «Siegfried» ist am Samstag die Neuinszenierung von «Der Ring des Nibelungen» bei den Bayreuther Festspielen fortgesetzt worden. In der dritten «Ring»-Oper - die abschließende «Götterdämmerung» steht am Montag auf dem Programm - konnte die Regie von Tankred Dorst bislang am meisten überzeugen. Die außergewöhnliche Leistung des Dirigats von Christian Thielemann, der abermals mit Ovationen des Publikums bedacht wurde, steht ohnehin außer Zweifel.

Dorst zeigt die Titelfigur als gewaltbereiten blonden Barbaren, der keine Regeln anerkennt, Bücher verachtet, einen Globus - statt wie üblich den Amboss - mit dem Wunderschwert Notung spaltet, spielerisch unendliche Macht gewinnt und doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Richtig sympathisch kann einem diese Gestalt nur am Ende der vielstündigen Oper werden, wenn der Drachentöter Brünnhilde aus ihrem von Wotan am Ende der «Walküre» verfügten Tiefschlaf auf einer Holzpalette im Steinbruch befreit und dabei liebestoll seine Entdeckung des anderen Geschlechts mit dem legendären Ausruf «Das ist kein Mann!» erlebt.

Erst in dieser musikalisch grandiosen Schlussszene des dritten Aktes bringt der amerikanische Rollendebütant Stephen Gould all seine beträchtlichen Fähigkeiten zur Geltung, die er zuvor vermissen ließ. Das hatte bereits zu Irritationen im Publikum geführt, denn nach einigen nur mittelmäßigen Siegfried-Sängern in der Vergangenheit waren die Erwartungen an Gould groß. Doch zu Beginn konnte der Tenor eine hörbare Befangenheit nicht ablegen. Allerdings ist die Partie auch mörderisch, trifft der von Anfang an geforderte Tenor am Ende doch auf eine völlig ausgeruhte Brünnhilde, die zumal von der bekannt stimmgewaltigen Linda Watson vorgetragen wurde.

Darstellerisch und gesanglich unbestrittener Star des Abends war aber Gerhard Siegel als Mime. Was der deutsche Bayreuth-Debütant in der Partie des hinterlistigen Zwergen zeigte, riss die Besucher im restlos ausverkauften Festspielhaus zu Beifallsstürmen hin. Im ersten Akt konnte Siegel sogar den hervorragenden Falk Struckmann in der Wanderer-Partie übertreffen. Mit Siegel als Mime hat sich Bayreuth auf Jahre eine besondere Attraktion gesichert. Erneut beeindrucken konnten die symbolhaltigen Bühnenbilder von Frank Philipp Schlössmann, der die beliebte Drachenszene des zweiten Aktes um eine halbfertige Autobahnbrücke inmitten eines brutal abgeholzten Waldes ansiedelte.

Schwarzmarktpreise steigen an

Dorst verzichtet klug auf die optische Drachendarstellung, mit der sein Bayreuth-Vorgänger Jürgen Flimm so viel Mühe hatte, ohne je zu einem wirklich überzeugenden Ergebnis zu kommen. Nun reichen bühnenwirksame Licht- und Raucheffekte, um die Dramatik von Siegfrieds erfolgreichem Kampf gegen die das Gold und die Macht bewachende Bestie zu zeigen. Sehr überzeugend ist auch der Einfall, den ersten Akt in einem Schulraum samt Tafel und Skelett spielen zu lassen, ist das doch der ideale Rahmen für das Frage- und Antwortspiel zwischen Mime und dem Wanderer, wie Wotan in «Siegfried» heißt.

Raffiniert einfach, doch erschütternd hat Dorst die Begegnung zwischen dem Wanderer und Erda, von der Japanerin Mihoku Fujimura bewegend schön gesungen, gestaltet: Beide stehen vor völlig dunklem Hintergrund ganz allein auf der riesigen Bühne, dann versinkt Erda in ihrem betörenden Kristallkostüm für immer in der Tiefe. Im Gegensatz zu Flimm, der in derletztenn «Ring»-Inszenierung von 2000 bis 2004 nie ein überzeugendes Verständnis von Wagners «Siegfried» finden konnte und das auch selbst nicht bestritt, vermag Dorst mit dieser Figur, die er nicht als Held, sondern als asozialen Barbaren begreift, viel anfangen.

Der neue «Ring» rundet sich und besitzt beste Aussichten, trotz aller Unkenrufe auch ein künstlerischer Erfolg zu werden. Das Publikum hat die durchaus anspruchsvolle, aber nachvollziehbare und bildmächtige Interpretation des Götterdramas an den Rändern der menschlichen Zivilisation bereits akzeptiert - die Schwarzmarktpreise für die nächsten «Ring»-Zyklen steigen bereits kräftig an. Über den Erfolg von Thielemanns musikalischer Leitung des wunderbar spielenden Festspielorchesters hatten ohnehin kaum Zweifel bestanden. Seit «Siegfried» ist die Regie auf dem Niveau der Musik. Das macht noch gespannter auf die «Götterdämmerung» mit Siegfrieds Tod.

(AP)

 

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