Frankfurt/Main – Was macht ein Filmregisseur, dessen Hauptdarsteller so sehr dem Alkohol zuneigt, dass die ganzen Dreharbeiten in Gefahr geraten? Er kann sich mit der Situation abfinden und hoffen, alles doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Oder er kann sich seinem nervösen Produzenten beugen und dessen ziemlich absurden Einfall akzeptieren, die Hauptrolle gleich mit zwei Schauspielern zu besetzen, also jede Szene zur Sicherheit doppelt zu drehen.
Der Regisseur Martin Telleck muss sich für Letzteres entscheiden. Denn zu unberechenbar ist sein alternder Star Otto Kullberg, der in Tellecks nostalgischem Film einen Mann zwischen zwei Frauen spielen soll, in seinem Wohnwagen aber zu oft ein Mann zwischen schnell geleerten Flaschen ist. Welche Turbulenzen entstehen, wenn ein Platzhirsch und ein Neuling parallel die Hauptrolle bei Dreharbeiten spielen, zeigt auf vergnüglich-melancholische Weise Andreas Dresens Kinokomödie „Whisky mit Wodka“, die ab dem 3. September auf die Leinwände kommt. Dresen hat dabei eine ebenso originelle wie herausragende Vorlage von Wolfgang Kohlhaase in Szene gesetzt.
Der inzwischen 78-jährige Senior der deutschen Drehbuchautoren und Veteran des ehemaligen DDR-Filmstudios DEFA hatte die Idee zu „Whisky und Wodka“ von dem inzwischen verstorbenen Regisseur Frank Beyer bekommen, der Ähnliches selbst in den 1950er Jahren erlebt hatte. Für Kohlhaase, der schon das Drehbuch für Dresens Kinoerfolg „Sommer vorm Balkon“ verfasst hat, ist der neue Film „eine Geschichte über das Älterwerden. Sie handelt davon, wie es ist, wenn man begreift: Die Zeit vergeht; die Rolle, die man bisher im Leben gespielt hat, wird man nicht ewig spielen.“
Mit dem großartigen Henry Hübchen als Kullberg präsentiert der Film einen Schauspieler in der wichtigsten Partie, mit dem die Zuschauer gerne noch weitere Stunden verbringen würden. Der 62-jährige Hübchen, wie Kohlhaase gebürtiger Berliner, genießt die Paraderolle von der ersten bis zur letzten Minute, ohne aber all den anderen sehenswerten Mitwirkenden die Wirkung zu stehlen. So kann sich auch der aus Siegen stammende Wiener Burgschauspieler Markus Hering als Kullbergs ungeliebtes Double Arno Runge bestens entfalten und auf stille Art eigene Akzente setzen.
In weiteren tragenden Rollen sind Corinna Harfouch als in die Jahre gekommene Schauspielerin mit großem Liebesverlangen und Sylvester Groth als geplagten Regisseur Telleck zu sehen. Eine echte Entdeckung ist die 29-jährige Valery Tscheplanowa, eine gebürtige Russin, die in Deutschland aufwuchs. Sie spielt eine erotisch umtriebige Nachwuchsdarstellerin mit viel Grazie und einer im deutschen Film seltenen anmutigen Frechheit. Schauplatz des Films über das Filmemachen ist Rügen, das eine prächtige Kulisse für die Handlung bietet.
Der junge Regisseur Dresen und der alte Drehbuchautor Kohlhaase haben mit der Komödie „Whisky mit Wodka“ einen Glanzpunkt im einheimischen Filmschaffen dieses Jahres gesetzt. Es erwarten die hoffentlich sehr zahlreichen Besucher vergnügliche, geistvolle und mit Dialogpointen nur gespickte 104 Leinwandminuten, die das Eintrittsgeld absolut wert sind. Was Corinna Harfouch über die Leistung ihres Kollegen Hübchen sagt, trifft auf den gesamten Film zu: „Wunderbar komisch, traurig und herzergreifend.“ Andreas Dresen ist auf dem besten Weg, unter den deutschen Regisseuren den Spitzenplatz einzunehmen. (AP)
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