Frankfurt/Main – Und wieder diese lästige Prozedur: Am kommenden Sonntag werden unzählige Uhren in der Europäischen Union um eine Stunde vorgestellt. Ob dieses Drehen an den Zeigern überhaupt wirtschaftlich sinnvoll ist, darüber sind die Experten nach wie vor geteilter Meinung. Aber dass die Zeitumstellung im Frühjahr und im Herbst gesundheitliche Nachteile für den Menschen bringt, gilt als erwiesen.
„Die Sommerzeit, die wir die meiste Zeit im Jahr haben, ist ein Kunstprodukt“, erklärt Thomas Kantermann vom Zentrum für Chronobiologie der Universität München im AP-Gespräch. Die Deutschen würden dabei gezwungen, sozusagen einen virtuellen Flug beispielsweise nach London zu machen, ohne dass sie sich anpassen könnten. Schließlich bekämen sie nur die Zeitumstellung, nicht aber auch die Londoner Umgebung.
„Wir können uns nach Flügen über mehrere Zeitzonen relativ schnell anpassen, weil wir am Zielort Sonnenaufgang und Sonnenuntergang dann wieder so vorfinden, dass sich unsere innere Uhr darauf einstellt“, erklärt der Chronobiologe. Durch die künstlichen Zeitumstellungen im Frühjahr und im Herbst entstünden jedoch Irritation, weil der Mensch wie seine Mitgeschöpfe auf die Sonne als Taktgeber der inneren Uhr angewiesen sei.
Besonders Spättypen, also Menschen, die spät zu Bett gehen und dafür morgens länger schlafen, fällt die Umstellung im Frühjahr außerordentlich schwer. Die Forscher der Uni München ließen ihre Probanden sogenannte Schlaftagebücher schreiben. Acht Wochen lang mussten sie zudem Messgeräte in Form einer Armbanduhr tragen, wodurch objektive Daten zu den Aufzeichnungen gespeichert wurden. Bei diesen Aktivitätsmessungen habe sich gezeigt, dass sich die späten Chronotypen selbst vier Wochen nach der Umstellung noch nicht angepasst hätten, betont Kantermann.
„Die Zeitumstellung steht unserem inneren Rhythmus entgegen“, sagt auch der Neurologe Björn Walter vom Schlaflabor des Erfurter Helios-Klinikums. Wenn man Menschen völlig von äußeren Zeitgebern isoliere – beispielsweise unter Bunkerbedingungen – dann stelle sich kein 24-Stunden-Rhythmus ein, sondern ein biologischer Rhythmus, der rund 25 Stunden betrage.
„Bedenkt man dies und sieht zudem, dass uns bei der Zeitumstellung eine Stunde gewissermaßen 'gestohlen' wird, so kann man sich erklären, dass es besonders bei den ,Eulen-Typen' zu einem Mini-Jetlag kommt“, meint Walter. Diese Zeitumstellung hält der Schlafforscher aus medizinischer Sicht nicht für so glücklich: „Sinnvoller wäre es, eine konstante Zeit beizubehalten.“
Auch eine ganz andere Branche sieht die Umstellung eher mit gemischten Gefühlen: die Uhrmacher nämlich. „An einer Uhr sollte man so wenig wie möglich herumstellen“, sagt Uhrmachermeister Dieter Höring. Um dem kostbaren Mechanismus nicht zu schaden, macht sich Höring auch nicht die Mühe, alle Chronometer in seinem Erfurter Geschäft im Frühjahr vor- und im Winter wieder zurückzustellen.
Wenn eine Zeitumstellung fällig war, bemerkt er dies wenige Tage später in seiner Werkstatt ohnehin. Denn dann steigen die Reparaturaufträge jedes Mal sprunghaft an, wie Höring berichtet.
Die zweimalige Zeitumstellung pro Jahr wurde 1980 eingeführt. Seit 1996 gilt sie einheitlich in ganz Europa. Der EU-Vertrag enthält eine Evaluierungsklausel: Danach wollte die EU-Kommission im Lauf des vergangenen Jahres von allen Mitgliedstaaten eine Rückmeldung über die Auswirkung der Zeitumstellung haben. Das Ergebnis: 25 der 27 EU-Mitgliedstaaten sahen keinen Grund, von der bisherigen Praxis abzuweichen, darunter auch Deutschland.
Dabei nimmt nach einer vorläufigen Sichtung der Veröffentlichungen die Zahl der Gegner einer Zeitumstellung zu, auch unter Politikern: „Warum müssen wir an einer Regelung festhalten, die nachweislich unsinnig ist“ empört sich die FDP-Bundestagsabgeordnete Gudrun Kopp im AP-Gespräch. Die zweimalige Zeitumstellung hält sie für eine „überflüssige Regelung, die keinen Nutzen bringt, nur Schaden anrichtet und nur noch existiert, weil die Mühe gescheut wird, sie abzuschaffen“.
Am 11. März brachte die FDP-Fraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie einen Entschließungsantrag ein. Darin wurde die Bundesregierung aufgefordert, sich für eine Abschaffung der Zeitumstellung und für die Einführung einer EU-weit einheitlichen Zeitregelung auf der Grundlage der heutigen Sommerzeit einzusetzen. Der Antrag wurde abgelehnt. (AP)
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