Aktuelle Nachrichten – Umwelt
16.04.2009
Haur al Hammar – Gerade begannen sich die Sümpfe im Süden des Iraks von der Strafaktion Saddam Husseins zu erholen. Nun gefährdet eine anhaltende Dürre die paradiesische Marschlandschaft im Zweistromland, die mit ihrem fruchtbaren Boden, den fischreichen Seen und dem üppigen Schilf mit zahllosen Arten von Wasservögeln als reales Vorbild für den biblischen Garten Eden gilt.
Wo vor wenigen Jahren mit Hilfe der UN Marschen wieder zum Leben erweckt wurden, erstreckt sich heute wieder blanke, rissige Erde. Tausende Einwohner der Region, die Marsch-Araber, leiden unter der verheerenden Trockenheit, die seit zwei Jahren in großen Teilen des Iraks und der Nachbarländer herrscht.
„Ich habe keine Arbeit. Unser Vieh ist verendet. Unsere Kinder gehen nicht mehr in die Schule, weil wir kein Geld haben, um ihnen Kleidung zu kaufen“, klagt der Fischer Jassir Rasak. Sein Holzboot liegt auf dem trockenen Grund eines Sees in der Marsch Haur al Hammar bei Nasirija. „Früher, als wir hier gefischt haben, hatten wir Geld für Kinderkleider“, sagt er. „Jetzt haben wir alles verloren. Uns geht's dreckig.“
Die Kultur der Marsch-Araber existiert seit über 5.000 Jahren in dem rund 20.000 Quadratkilometer großen Gebiet zwischen Euphrat und Tigris und um ihren Zusammenfluss, den Schatt el Arab. Doch in den 80er und 90er Jahren wurde sie ein Opfer der Politik. Saddam, ein Sunnit, hielt die überwiegend schiitischen Marsch-Araber für unzuverlässig – zuerst im iranisch-irakischen Krieg und erst recht beim Aufstand der Schiiten im Süden nach dem Golfkrieg 1991. Viele Aufständische flüchteten sich in die Schilfwälder. Zur Strafe ließ Saddam ein Netz aus Dämmen anlegen, um die Sümpfe trockenzulegen.
Die Wirkung war verheerend. Als der Diktator 2003 gestürzt wurde, waren die Marschen, die in den 70ern noch rund 9.000 Quadratkilometer umfasst hatten, um 90 Prozent geschrumpft. Experten befürchteten, dass sie bis 2008 gänzlich verschwunden wären. Doch die Vereinten Nationen legten ein elf Millionen Dollar schweres Rettungsprogramm auf und ließen eine Reihe Dämme abreißen, so dass wieder Wasser fließen konnte. Bis 2006 war die Hälfte des Marschlandes wieder geflutet.
„Für unser Ministerium hatte die Wiederherstellung der Marschen von Anfang an Vorrang“, erklärt der Minister für Wasserwirtschaft, Abdul Latif Dschamal Raschid. Die Bemühungen hätten einigen Erfolg gehabt. Doch das Vorhaben steht und fällt mit Euphrat und Tigris, auf die sich der griechische Name Mesopotamien für das „Land zwischen den Flüssen“ bezieht. Der Wasserstand beider Flüsse ist drastisch gesunken. Im Irak hat es den zweiten Winter in Folge nicht ausreichend geregnet. Die Regenmenge der vergangenen zwei Jahre betrug nur 30 bis 40 Prozent der normalen Werte, im Irak ebenso wie in Syrien und im Südosten der Türkei, wo die Ströme entspringen. Bis die Flüsse im Süden des Iraks ankommen, ist ein Großteil des Wassers schon zur Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen abgezapft.
Vorigen Monat kündigten die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der UN und die irakische Regierung ein neues 47-Millionen-Dollar-Programm zur Wiederherstellung der Marschen an. Schwerpunkte sollen die Provinzen Maysan, Dhi Kar und Basra sein. Doch der irakische Direktor des Programms, Fadel el Subi, bezweifelt, dass das Vorhaben gelingt, wenn die Trockenheit ununterbrochen anhält. Auch seien neue Abkommen mit den Ländern der Region über die Wasserentnahme erforderlich, damit der Irak mehr abbekomme. „Es kommt viel weniger Wasser aus den Nachbarländern“, erklärt El Subi. „Also wird auch die Wassermenge weniger, die in die Marschen gelangt.“
Ziel des Programms ist es auch, den Marsch-Arabern zu helfen, deren Lebensweise sich über die Jahrtausende nicht wesentlich verändert hat. So sollen die Gewässer El Subi zufolge mit Fischen besetzt werden, die den gestiegenen Salzgehalt vertragen. Auch das Nutzvieh, vor allem Schafe und Wasserbüffel, solle ersetzt werden. In den nächsten fünf Jahren solle so viel wie möglich unternommen werden, so dass die Marschbewohner wieder Ackerbau und Viehzucht betreiben könnten. (AP)