Aktuelle Nachrichten – Umwelt
04.11.2009
Dela/Kenia – Als junger Mann trieb Jimale Irobe seine Kühe und Kamele noch durch kniehohes Gras. Heute reichen die struppigen Halme dem 64-Jährigen selbst in der Regenzeit kaum noch bis zum Knöchel, und nie reicht es. Das Vieh hat nicht genug zu fressen, und die Nomadenfamilien können von seiner Milch und seinem Fleisch nicht mehr leben.
Also versucht sich Irobe mit dem Verkauf von Holzkohle durchzuschlagen und verbrennt dafür die Bäume auf den Weiden, auf denen einmal die Herden seines Vaters grasten. „Heute gibt es so viele Menschen, und es kommt kein Regen“, sagt der alte Mann mit den eingefallenen Wangen.
Der Druck zunehmender Dürreperioden und rapiden Bevölkerungswachstums macht die traditionelle Lebensweise der rund drei Millionen Nomaden in Kenia zunehmend zunichte. In einem besonders von Dürre betroffenen Distrikt in Kenia musste ein Drittel der Hirten sesshaft werden, weil sie so viele Tiere verloren. An einem Ort versammelt, plündern sie Bäume und Gras der Umgebung, um Hütten daraus zu bauen. Die letzten Halme fressen die wenigen Tiere weg, die ihnen geblieben sind. Am Ende sitzt ein Haufen müder und hungriger Menschen im Staub und wartet auf Hilfe, so wie in der Ortschaft Dela im Norden Kenias.
Statt in traditionellen Grashütten leben sie in Behelfsbehausungen aus Zweigen, notdürftig gedeckt mit Stoff- und Plastikfetzen. Statt am Lagerfeuer eine Ziege zu braten, sind immer mehr auf Spenden von Hilfsorganisationen angewiesen. „Schreib meinen Namen auf!“, bedrängt die 70-jährige Halima Haroun die AP-Reporter in der Annahme, es würden Hilfsbedürftige registriert. Sie kneift sich in den dünnen Arm um zu demonstrieren, wie mager sie ist.
Nordkenia leidet seit jeher unter Dürreperioden, doch sie sie sind jetzt häufiger und länger als sonst, wie die rund 3.000 Einwohner Delas klagen. Eine Studie im Nachbardistrikt Mandera kam 2006 zu dem Ergebnis, dass sich die Dürren binnen 25 Jahren vervierfacht haben. Zugleich hat sich die Bevölkerung der Region seit den 60ern verfünffacht. Ein Drittel der Viehhalter verlor seine Herden und ließ sich in Siedlungen nieder.
„Es ist ein Punkt erreicht, wo Regen die Situation stabilisieren kann, aber nicht lange genug anhält, um für eine Erholung zu sorgen“, erklärt Martin Karimi von der Hilfsorganisation der EU-Kommission, die Projekte zur Wasserspeicherung entwickelt. „Wenn es regnet, dann in der Regel kürzer und heftiger.“ Das Wasser wird dann vom ausgedörrten Sandboden nicht aufgenommen und verdunstet an der Oberfläche.
Die Hilfsorganisation Oxfam erwartet, dass nach der Dürre in Ostafrika dieses Jahr 23 Millionen Menschen Lebensmittelhilfe brauchen. Ein internationaler Forschungsbericht sagt voraus, dass als Folge der weltweiten Auswirkungen des Klimawandels bis 2050 bis zu 25 Millionen Kinder mehr als heute unterernährt sein werden.
Das bedeuten noch mehr Leid für Frauen wie Ladhan Ali, die sich nach Dela geflüchtet hat, nachdem ihr Vieh verendete. Im Lauf der Jahre hat sie sieben ihrer neun Kinder begraben. Woran sie starben, weiß sie nicht so genau, sie schreibt es einer Kombination aus Schwäche, Krankheit und Hunger zu. Mit Ausnahme des letzten Sohnes: Der war – an das Stadtleben nicht gewöhnt – über die Straße gerannt und von einem Auto überfahren worden.
Hunger und Verzweiflung treiben die Nomaden in die Siedlungen. Dass sie da bleiben, liegt zum Teil auch daran, dass ihre Kinder eine Schulbildung bekommen. Keines der 210 Schulkinder aus Dela wolle zum traditionellen Nomadenleben zurück, sagt der Lehrer Calvin Mobisa. Sie wollen Tierarzt werden, Arzt, Wissenschaftler oder Pilot und all die Orte sehen, die in der Zeitung stehen. „Man kann jetzt viel mehr machen, als unsere Eltern das konnten“, erklärt der 15-jährige Ali Noor und achtet sorgfältig darauf, dass seine guten Schuhe für die Schule nicht staubig werden. „Man muss nicht mehr im Busch leben.“ (AP)
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