Foto: AP Photo/Virginia Mayo
Brüssel – Nach erbittertem Ringen um einzelne Formulierungen zeichnet der Weltklimarat (IPCC) in seinem neuen Bericht ein dramatisches Bild von den Folgen des Klimawandels. Vor allem die ärmsten Länder sind demnach von Hunger, Wassermangel, Stürmen und Überschwemmungen betroffen. Bis zu 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht, wenn die Temperatur um zwei Grad Celsius steige, mahnt die am Freitag veröffentlichte Studie. Einige Wissenschaftler kritisierten, der Bericht sei von politischer Einflussnahme verwässert worden.
Die Verhandlungen in Brüssel über einzelne Passagen währten bis zur letzten Minute. Vor allem die USA, China und Saudi-Arabien wollten Formulierungen ändern. Strittig waren nach Angaben von Teilnehmern das Ausmaß der erwarteten Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten, die Frage, ob eine Schätzung zu den finanziellen Folgen der Klimakatastrophe in den Bericht aufgenommen werden soll, sowie Angaben über die Verlässlichkeit der bisherigen Beobachtungen.
Der IPCC-Report sei dennoch „ein sehr, sehr deutliches Signal“ an die Regierungen, erklärte der Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer. Hans Verolme von der Naturschutzorganisation WWF betonte, auf die wissenschaftlichen Ergebnisse des Berichts müsse eine ähnlich dringende Antwort folgen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sprach von der Aussicht auf „eine apokalyptische Zukunft“.
Der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri erklärte, die Ärmsten der Armen würden von der globalen Erwärmung am schwersten getroffen. Am schlimmsten sind die Auswirkungen demnach für Afrika, wo bis 2020 vermutlich bis zu 250 Millionen Menschen unter Wassermangel zu leiden haben. In einigen Ländern werden die Ernten um die Hälfte zurückgehen. In Nordamerika drohen tödliche Wirbelstürme, Überschwemmungen, Hitzwellen und Buschbrände mit enormen wirtschaftlichen Folgen.
Asien ist ebenfalls von heftigen Überflutungen infolge der Gletscherschmelze bedroht. Bei einem Temperaturanstieg von vier Grad Celsius drohen dem IPCC zufolge durchschnittliche wirtschaftliche Verluste von bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Ohne Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen werde es deutlich weniger Regionen geben, die für den Menschen bewohnbar seien, warnte einer der Autoren, Stephen Schneider von der Stanford-Universität. Vieles sei keine Zukunftsmusik, sondern habe schon begonnen: Gletscherschmelze, stärkere Hurrikane, tödlichere Hitzewellen oder Artensterben. Mit einem vergleichsweise geringen Betrag könnte das Problem des Klimawandels aber noch aufgehalten werden: „Es geht um Billionen Dollar, aber das ist eine sehr triviale Sache.“
Der Anfang Februar in Paris vorgestellte erste Teil des IPCC-Berichts stellte die Verantwortung des Menschen für die Erderwärmung so deutlich heraus wie keine Studie zuvor: Als sehr wahrscheinliche Ursache des Temperaturanstiegs wird der von Menschen verursachte Ausstoß von Treibhausgasen genannt.
Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte als Reaktion ein internationales Vorgehen für den Umweltschutz. „Der Bericht bestätigt, dass der Klimawandel eine Tatsache ist“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“. Notwendig sei ein schnelles und entschiedenes Handeln. Umweltminister Sigmar Gabriel sprach sich für eine ehrgeizige Klimapolitik aus. EU-Umweltkommissar Stavros Dimas sagte, die IPCC-Ergebnisse verstärkten die Entschlossenheit der Europäischen Union, die Emission von Treibhausgasen zu verringern. (AP)
- AFRIKA
Afrika wird dem Bericht zufolge am meisten vom Klimawandel geschädigt. Bis 2020 werden zwischen 75 und 220 Millionen Menschen von wachsendem Wassermangel betroffen sei, zudem sollen die Ernten zurückgehen. Am Ende des 21. Jahrhundert wird der Anstieg des Meeresspiegels niedrig gelegene Küstenregionen mit hoher Bevölkerungsdichte gefährden, was Kosten in Höhe von fünf bis zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach sich zieht.
- ASIEN
Asien ist von heftigen Überflutungen wegen der Gletscherschmelze bedroht. Die Wasserversorgung könnte bis 2050 für mehr als eine Milliarde Menschen gefährdet sein. Während in Ost- und Südostasien die Ernteerträge um 20 Prozent steigen könnten, sollen sie in Zentral- und Südasien um 30 Prozent zurückgehen, was zusammen mit rapidem Bevölkerungswachstum die Hungerproblematik verschärft. Krankheiten wie Cholera nehmen zu.
- AUSTRALIEN UND NEUSEELAND
Probleme bei der Wasserversorgung steigen, Dürren und Feuer beeinträchtigen die Land- und Forstwirtschaft in einigen Gebieten. Andere Gebiete im Westen und Süden können dagegen zumindest anfänglich von weniger Frost, mehr Regen und längeren Fruchtbarkeitsperioden profitieren. Die Artenvielfalt etwa im Great Barrier Reef ist indessen bedroht. Der steigende Meeresspiegel, häufigere Stürme und Überschwemmungen gefährden bis 2050 die Küstenregionen.
- EUROPA
Nahezu alle Regionen in Europa werden vom Klimawandel und dessen wirtschaftlichen Folgen betroffen sein. Überflutungen werden zunehmen, zahlreiche Tier- und Pflanzenarten werden Probleme mit der Anpassung an den Klimawandel haben, und es wird immer weniger Schnee geben. Südeuropa wird noch stärker als bisher unter Hitzewellen und Wassermangel leiden. Auch in Mittel- und Osteuropa werden im Sommer weniger Niederschläge zu Problemen bei der Wasserversorgung führen. In Nordeuropa werden die Nachteile des Klimawandels – etwa häufigere Überflutungen im Winter und Gefährdung der Ökosysteme – die Vorteile wie höhere Ernten und weniger Heizbedarf wahrscheinlich überwiegen.
- SÜDAMERIKA
Der sinkende Grundwasserspiegel wird den Regenwald im Amazonasbecken zunehmend versteppen lassen. Es besteht die Gefahr des Artenverlusts in vielen tropischen Gegenden. In trockeneren Gebieten wird landwirtschaftlich genutztes Gebiet zunehmend zur Wüste. Der sinkende Meeresspiegel sorgt für zunehmende Überflutungen, die Erwärmung der Meere gefährdet Tierarten und Korallenriffe. Änderungen beim Niederschlag und das Verschwinden von Gletschern gefährden die Wasserversorgung, Landwirtschaft und Energiegewinnung.
- NORDAMERIKA
In Nordamerika drohen vermehrt tödliche Wirbelstürme, Überschwemmungen und Hitzwellen mit enormen wirtschaftlichen Folgen. Wälder werden nachhaltig durch Schädlinge, Krankheiten und Feuer gefährdet, Buschbrände nehmen zu. Städte werden noch mehr als bisher von Hitzewellen betroffen sein, was vor allem die Gesundheit älterer Menschen gefährdet. An der Küste steigt das Risiko tropischer Wirbelstürme.
http://www.ipcc.ch (AP)
(04.04.2007)
Ruf nach Minderung des Schadstoffausstoßes in Entwicklungsländern
(03.02.2007)
Gute Aussichten für deutschen Automarkt 2007
(26.12.2006)
Wer CO2 sät, wird Sturm ernten
(13.03.2006)