Umwelt – Ein kulturelles Erbe verschwindet – Elena Becatoros
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Ein kulturelles Erbe verschwindet

Elena Becatoros

15.11.2007

Ein Esel wird beladen auf der griechischen Insel Hydra, südwestlich von Athen. (AP Photo/Thanassis Stavrakis)
Ein Esel wird beladen auf der griechischen Insel Hydra, südwestlich von Athen. (AP Photo/Thanassis Stavrakis)

Hydra/Griechenland – Ein Esel trottet langsam über eine staubige Landstraße. Auf seinem Rücken sitzt ein alter grauhaariger Mann. Was sich anhört wie die Beschreibung eines Fotos aus einem Bildband über Griechenland könnte bald nur noch in Büchern und auf Postkarten zu finden sein. Denn Griechenlands Esel verschwinden – und das bedenklich schnell.

„Die Eselspopulation ist in Griechenland in den letzten Jahren dramatisch gesunken“, sagt Giorgos Arsenos von der Aristoteles-Universität in Thessaloniki. In den vergangenen 50 Jahren habe ihre Zahl um 96 Prozent abgenommen. Während es in den 1950ern noch eine halbe Million Tiere gegeben habe, könnten es Ende dieses Jahres weniger als 16.000 sein, schätzt Arsenos. „Falls dieser Trend anhält, dann wird es in zehn oder 15 Jahren weniger als 1.000 geben.“

Die Ursachen für das Verschwinden der Grautiere sind vielfältig. So starben in diesem Sommer viele während der verheerenden Brände, die auf dem südlichen Peloponnes wüteten. In dieser Region leben über 40 Prozent der griechischen Esel.

Ihr wahrer Feind ist jedoch der Fortschritt. Jahrhundertelang hatten die Esel vielfältige Aufgaben: Sie dienten dem Transport von Menschen und Waren und halfen beim Pflügen der Felder. Doch nun sind sie ein Opfer der Modernisierung geworden. „Dort, wo man Esel durch motorisierte Fahrzeuge ersetzten kann, werden die Leute das tun, weil es bequemer ist“, sagte der Experte Paul Starkey auf einer internationalen Konferenz zur Rolle der Esel und Maultiere im Mittelmeerraum. Und so haben fast überall in Griechenland Autos, Lastwagen, Traktoren und Motorräder die Esel verdrängt.

Fast überall – außer auf Hydra. Nur rund 65 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Athen sind Esel auch heute noch das einzige Transportmittel. Der Grund: Motorisierte Fahrzeuge sind auf der Insel nicht erlaubt. Daher gibt es auf Hydra rund 1.200 Esel und Maultiere, das sind etwa zehn Prozent des Bestandes im gesamten Land. „Der Esel und das Maultier gehören auf Hydra untrennbar zum Alltag“, sagt Kostas Anastopoulos, der Bürgermeister der Insel. „Ich glaube, ohne diese sympathischen Tiere könnten wir nicht leben.“

Umzugswagen und Müllauto

Die Ortschaften der Insel drängen sich dicht an dicht an die steilen Hänge. In den engen Gassen kann man sich nur zu Fuß oder auf dem Rücken eines Esels fortbewegen. Die Tiere transportieren das Gepäck von Touristen zum Hotel, helfen Einheimischen beim Umzug und entsorgen auf ihrem Rücken sogar den Großteil des anfallenden Mülls.

„Sie transportieren alles, was man sich vorstellen kann. Von Stecknadeln bis zu Kühlschränken“, sagt Yiannis, der Besitzer zweier Maultiere. Aber dies ist nicht der einzige Grund, weshalb Yiannis sein Geld mit Transportaufträgen verdient. „Ich behalte sie, weil ich sie habe, seit ich ein Kind war, und weil ich sie liebe.“

Doch Hydra stellt einen Einzelfall dar in einem Land, in dem Fortschritt und Modernisierung auf vielerlei Art den traditionellen Lebensstil – und damit auch die Esel – verdrängen. Experten versuchen nun, die Rolle der Esel in Griechenland zu verändern und ihnen ein „modernes Image“ zu verpassen, um die Tiere zu erhalten. Sie sollen von den Griechen nicht mehr als Last gesehen werden, sondern beispielsweise zu einem Symbol für Freizeit und Erholung werden. Zudem wird überlegt, ein nationales Schutzprogramm ins Leben zur rufen, um die Nachkommenschaft der Esel zu sichern. „Sie sind ein kulturelles Erbe, das wir für die nächste Generation erhalten sollten“, sagt Arsenos. (AP)

 

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