Marburg - Nicht liegen, sitzen oder stehen können - für viele Menschen mit Rückenproblemen ist das eine alltägliche und schmerzhafte Erfahrung. «Mehr als jeder Dritte hat innerhalb der letzten Woche Rückenschmerzen gehabt», sagt Dietmar Krause vom Deutschen Grünen Kreuz (DGK) in Marburg anlässlich des Tages der Rückengesundheit am 15. März. Das Volksleiden hat laut Krause vor allem eine Ursache: Die Menschen bewegen sich zu wenig. Dauersitzen vor dem PC oder Fernseher und Fehlhaltungen verursachen schmerzhafte Verspannungen und lassen die Rückenmuskulatur verkümmern.
Von den fast 40 Prozent der Deutschen, die in der vergangenen Woche unter Rückenschmerzen litten, hatte die Hälfte nur leichte Schmerzen oder eine geringe Funktionsbeeinträchtigung. 25 Prozent hatten dagegen starke Schmerzen oder waren in ihren Bewegungsabläufen deutlich eingeschränkt. Weitere 25 Prozent hatten starke Schmerzen und eine deutliche Funktionsbeeinträchtigung. Zahlreiche Krankschreibungen sind die Folge. «Jährlich verursachen Rückenschmerzen rund 3,7 Millionen Krankschreibungen», sagt Krause.
Rückenschmerzen sind zwar meist ungefährlich. Wenn die akuten Schmerzen aber zwei bis drei Tage anhalten, sollten die Betroffenen zum Arzt gehen. «Auch wenn man das Gefühl hat, dass Arm oder Bein einschlafen oder die Blase nicht mehr kontrolliert werden kann, ist ein Arztbesuch notwendig», sagt Krause.
Seit Jahren wird auf die Folgen mangelnder Bewegung aufmerksam gemacht. Rückenschulen, Sport oder Anleitungen zu Rücken schonendem Verhalten sollen die Menschen zum Spaß an der Bewegung animieren. Doch die Präventionsmaßnahmen haben nur mäßigen Erfolg. «Man erreicht in der Prävention meist nur die Leute, die sich sowieso für Gesundheit interessieren», sagt Krause.
Vor allem Nichtsportler, sozial Schwache, Senioren und Menschen mit einer negativen Grundeinstellung gehören zu den denjenigen mit einem erhöhten Rückenschmerzrisiko. Seit Jahren beobachten Experten auch, dass Rückenschmerzen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen. Britische Sportmediziner um Michelle A. Jones aus Omskirk haben in einer Untersuchung herausgefunden, dass zwölf bis 33 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zumindest gelegentlich unter Rückenschmerzen leiden.
«65 Prozent der unter 18-Jährigen weisen zudem Haltungsschwächen unterschiedlicher Ausprägung auf», sagt Krause. Das wirke sich dann in 20 bis 30 Jahren in Form von Rückenschmerzen aus. Doch nicht nur Haltungsschäden oder beispielsweise ein zu schwerer Schulranzen fördern Rückenprobleme, sondern vor allem die mangelnde Bewegung. «In den letzten 20 Jahren hat sich die Lebenswelt der Kinder mehr zum Sitzen hin verändert», sagt Krause.
Ursachen für Rückenschmerzen meist unklar
Bewegung, Sport und eine Kräftigung der Bauchwandmuskulatur können dagegen Rückenschmerzen vorbeugen, berichtet die britische Wissenschaftlerin Jones in ihrer Studie. «Derzeit versucht man Kindern und Jugendlichen über den Kindergarten oder die Schule Rücken schonendes Verhalten beizubringen», sagt Krause. Ein bundesweit gemeinsames, von vielen Institutionen getragenes Konzept fehle aber.
80 Prozent aller Rückenschmerzen sind laut Krause unspezifisch, die genauen Ursachen können also nicht festgestellt werden können. Nur selten können Bandscheibenschäden, entzündliche Veränderungen der Wirbelsäule oder andere medizinische Diagnosen als eindeutige Ursache für die Rückenschmerzen ausgemacht werden.
So ist es möglich, dass Menschen mit einem Bandscheibenvorfall herumlaufen, ohne dass dieser irgendwelche Beschwerden verursacht. «Eine Bandscheibe kann auch wieder an ihre Position zwischen den Wirbelkörpern zurück rutschen, so dass sie nicht mehr schmerzhaft auf Nerven drücken», sagt Krause. Eine wichtige Schmerzursache sind auch psychische Belastungen wie Depressionen oder Unzufriedenheit am Arbeitsplatz. Solche Patienten haben ein zwei- bis dreifach höheres Risiko, chronische Rückenschmerzen zu entwickeln.
Frank Leth
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