Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
27.06.2012
Foto: Bernd Kregel
Eine exotische Stahlross-Parade macht das polnische Wolsztyn alljährlich zum Mekka des Dampfes.
Ein „Kabrio auf Schienen“ ist es wirklich nicht. Dafür fehlt ihm die erforderliche Eleganz. Und doch punktet das sperrige Vehikel mit seiner Originalität. Denn allein menschliche Muskelkraft treibt es an: durch das kräftige Hin- und Herbewegen langer Hebel, das die Energie von vier Menschenstärken direkt auf die Eisenräder überträgt.
Kompliziert? Jedenfalls nicht für den Erfinder Karl Drais, der mit einfachen technischen Mitteln die nach ihm benannte Eisenbahn-Draisine das Fahren lehrte. Ob ihm damals wohl bewusst war, welchen Riesenspaß diese Art der Fortbewegung später einmal mit sich bringen würde? Entsprechend laut sind heute die Freudenschreie der Passagiere, die ihre Muskelkraft auf diese ungewöhnliche Weise unter Beweis stellen müssen.
Blumenpflücken während der Fahrt
Besonders empfänglich für diese Art von Freizeitvergnügen ist man in Polen. Hier haben sich zahlreiche Vereine der Erhaltung und Pflege all dessen verschrieben, das im weitesten Sinne mit der Tradition des Eisenbahn-Transportwesens zusammenhängt. So auch Marcin Bens aus Grodzisk im Verwaltungsbezirk Wielkopolska (Großpolen), der sich bei einer Ausflugsfahrt mit der Draisine zum alten Bahnhof von Ujazd (Schönewalde) in seiner Rolle als Oberschaffner bestens bewährt.
Und der dann völlig unerwartet kurz vor Sonnenuntergang mit Hilfe seines Vereinsfreundes Mikulaj Rzanny für die Rückfahrt durch die üppig blühenden Rapsfelder einen umgebauten Fiat 600 des polnischen Modells „Maluch“ vorspannt. Ein rot lackiertes Fahrzeug-Unikum, dessen zügigere Gangart das sprichwörtliche Blumenpflücken während der Fahrt verhindert. Nur an den Gleisübergängen schaltet Marcin herunter und bietet den wartenden Autofahrern allein durch das Erscheinungsbild des seltsamen Gefährts einen amüsanten Anblick.
Ein Prachtstück aus Platons Dampflok-Ideenhimmel
Eisenbahn-Spezialisten wie Marcin und Mikulaj sind natürlich mit der Eisenbahn-Szene in Polen bestens vertraut. So auch mit dem historischen Dampflok-Sonderzug von Poznan (Posen) nach Wolsztyn (Wollstein), jener Kleinstadt in der großpolnischen Provinz, die einmal im Jahr als Dampflok-Eldorado die Blicke mehrerer zehntausend Eisenbahn-Romantiker aus dem In- und Ausland auf sich zieht.
Noch bevor sich das Prachtstück, das Platons perfektem Dampflok-Ideenhimmel entstammen könnte, am nächsten Morgen im Bahnhof von Poznan schnaufend in Bewegung setzt, lässt es sich kaum jemand der Mitreisenden nehmen, der auf Hochglanz polierten Lokomotive seine Reverenz zu erweisen: Kessel und Führerhaus in funkelndem Schwarz und dazu als Kontrapunkt die rot lackierten massiven Räder, die schon ungeduldig darauf zu warten scheinen, sich endlich in Bewegung setzen zu dürfen. Dann, erstaunlich pünktlich, der erwartete gellende Pfiff, und schon setzt sich der Dampfzug bei seiner sentimentalen Zeitreise in Richtung Eisenbahn-Vergangenheit in Bewegung.
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Schlagworte
Bahnstrecke im Schwarzwald feiert Geburtstag
(20.06.2012)
(02.06.2012)
(11.02.2012)
(15.07.2010)
Der Traum von der Fahrt im Führerstand
(30.06.2010)
Die vergessene Katastrophe von Genthin
(17.12.2009)
Uralte Dampflok-Veteranin ist wieder in Betrieb
(26.07.2009)
Restaurierte „Adler“-Lokomotive ins Bahn-Museum zurückgekehrt
(23.11.2007)
Der Stier rast auf der Schiene
(31.08.2006)
(12.05.2006)
Hängepartie um Märklin-Verkauf geht weiter
(08.05.2006)