Aktuelle Nachrichten – Deutschland
28.03.2011
Foto: Patrick Sinkel/dapd
Mainz – So demütig und leise hatte man Rainer Brüderle noch selten erlebt. Mit gedämpfter Stimme verkündete er am Montagabend nichts weniger als das Ende einer Ära: Am 7. Mai wird Brüderle den Vorsitz der FDP Rheinland-Pfalz niederlegen. Gewohnt konsequent zog Brüderle damit die Konsequenz aus der historischen Niederlage seiner Partei: Die FDP war am Sonntag aus dem Mainzer Landtag geflogen. Brüderle selbst hatte dazu wohl selbst mit seiner "Protokoll-Affäre" beigetragen, auch wenn seine Mainzer Parteifreunde dies vehement bestritten.
28 Jahre lang war Rainer Brüderle die FDP in Rheinland-Pfalz, und die FDP in Rheinland-Pfalz war Rainer Brüderle. Nun betonte er, er wolle Bundeswirtschaftsminister bleiben, aber in Rheinland-Pfalz den Weg für einen Neuanfang frei machen. Für die FDP ist dies eine grundlegende Zäsur, für Brüderle selbst schließt sich ein Kreis.
1983 wurde Brüderle erstmals zum Landesvorsitzenden der Liberalen in dem südwestlichen Bundesland gewählt. Damals war Rheinland-Pfalz noch "das Land der Reben und Rüben" und die FDP nicht im Landtag vertreten. Brüderle selbst war gerade zwei Jahre zuvor hauptamtlicher Wirtschaftsdezernent in der Landeshauptstadt Mainz geworden. Nun führte der dynamische Wahl-Rheinhesse seine Partei im Eiltempo zurück in den Landtag: Schon 1987 marschierte die FDP nicht nur in den Landtag, sondern auch gleich in die Regierung. Brüderle wurde Wirtschaftsminister, zunächst in einer Koalition mit der CDU, ab 1994 dann mit der SPD.
Unter SPD-Ministerpräsident Kurt Beck stieg Brüderle sogar zum Superminister für Wirtschaft und Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau auf, zehn Jahre war er stellvertretender Ministerpräsident. Inhaltlich profilierte er sich vor allem mit einer aktiven Mittelstandspolitik. Brüderle gründete die Landesförderbank ISB und stärkte mit der Erfindung des "Rheinland-Pfalz-Taktes" den regionalen Bahnverkehr. "Auf dem Hahn", wie es in Rheinland-Pfalz heißt, brachte Brüderle den erfolgreichen Regionalflughafen Frankfurt-Hahn auf den Weg.
Bundesweit bekannt wurde Brüderle indes eher durch seine Lebensfreude und seine Liebe zum rheinland-pfälzischen Wein. Legendär sind sein Weltrekord im Küssen von 1.368 Weinköniginnen und sein Auftritt in der Harald-Schmidt-Show im Mai 2002, wo er unter dem Motto "Saufen mit Brüderle" für rheinland-pfälzischen Wein warb. Die Rheinland-Pfälzer schätzten Brüderle als "Schlitzohr" und als Mann der klaren Worte. "Klare Kante und klarer Kurs", so präsentierte sich Brüderle selbst gern.
Nach seinem Wechsel auf die Berliner Politbühne im Jahr 1998 verspotteten ihn die Medien schon einmal als "größte Windmaschine der Hauptstadt", elf Jahre lang galt der Mainzer als "Minister im Wartestand." Brüderle indes ließ sich nie beirren und betonte stets: "Mit mir ist noch zu rechnen." Die Koalitionsverhandlungen mit der CDU 2009 im Bund wurden zu Brüderles Meisterstück: Als seine innerparteilichen Konkurrenten patzten, erfüllte sich im Alter von 64 Jahren Brüderles Lebenstraum vom Amt des Bundeswirtschaftsministers.
Respekt erwarb sich Brüderle mit seinem strikten Nein zu den Opel-Hilfen, der Liberale genoss es, sich als Ordnungspolitiker zu profilieren. Auch in seiner Partei stieg er unversehens zum Hoffnungsträger auf: Angesichts eines schwankenden Parteichefs Guido Westerwelle galt Brüderle auf einmal als geeigneter Parteichef, wenigstens für eine Übergangszeit.
Doch dann kam der 14. März, und Brüderle riskierte ein offenes Wort über das "Atom-Moratorium" der Bundesregierung als reines Wahlkampfmanöver – so zumindest stand es in einem Protokoll des Bundesverbandes der Industrie. Brüderle dementierte, doch die Aussage passte zu gut zu dem kantigen Liberalen – wahrscheinlicher schien, dass Brüderle einmal mehr Klartext geredet hatte. Als nun aber seine eigene FDP in Rheinland-Pfalz auch dafür die Quittung bekam, zog Brüderle die Konsequenzen. Am 7. Mai endet die Ära Brüderle in Rheinland-Pfalz. (dapd)
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