Frankfurt/Main – Jedes Jahr wiederholt sich das gleiche Trauerspiel: Zahlreiche Hunde, Katzen, Hamster und Meerschweinchen werden herrenlos. Verängstigt warten sie an Zäunen und Bäumen angebunden auf das Herrchen – aber das ist in den Urlaub gefahren, ohne sich um den tierischen Mitbewohner zu sorgen. Wie hoch die Zahl der ausgesetzten und abgegeben Tiere in diesen Sommermonaten ist, kann der Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes, Steffen Beuys, noch nicht sagen. „Aus Erfahrung schätzen wir, dass es etwa 70.000 zusätzliche Tiere sind.“
Dabei missachten Tierbesitzer, dass sie sich laut Tierschutzgesetz strafbar machen: Das Aussetzen von Tieren ist verboten und kann mit bis zu 25.000 Euro bestraft werden.
Vor allem Kleintiere sind die Leidtragenden. Jährlich kommen rund 280.000 Tiere ins Heim, davon etwa 50.000 Meerschweinchen, Ratten, Kaninchen, Hamster, aber auch Exoten – und die Tendenz ist laut Tierschutzbund steigend.
„Viele machen sich einfach keine Gedanken, was es bedeutet, ein Tier zu halten“, sagt Beuys. Gerade bei den Kleintieren herrsche vermutlich der Gedanke vor, ein Kleintier mache weniger Arbeit und koste weniger. „Gerade wenn es um die Urlaubsplanung geht, wollen viele Menschen ihre Verantwortung abschütteln“, sagt Beuys. Die Zahl herrenloser Hunde und Katzen stagniert nach Einschätzung des Verbandes.
Dabei müsse man sein Tier nicht aussetzen, um Urlaub zu machen, sagt der Verbandssprecher. Seit 14 Jahren gibt es die Aktion „Nimmst du mein Tier, nehme ich dein Tier“. Von Mai bis September kann mit Hilfe der Aktion ein ehrenamtlicher Tiersitter für die Urlaubszeit gefunden werden. Die örtlichen Tierschutzvereine helfen dabei, den Kontakt herzustellen. Zudem können viele Haustiere auch mit ins Ausland genommen werden oder das Tier wohnt zeitweise in einer Pension.
Auch das Tierheim des Tierschutzvereins (TSV) Frankfurt am Main „platzt aus allen Nähten“, sagt Sprecher Mark Nelz. „Wir sind voll bis unters Dach.“ Die Sommerzeit trage dazu vermehrt bei.
Aber auch im übrigen Jahr stößt das Tierheim an seine Grenzen. Seit einiger Zeit gibt es laut Nelz ein neues Problem: Während das Aussetzen und Abgeben von Tieren in der Urlaubszeit deutlich nachgelassen habe, seien es Hartz-IV-Empfänger, die sich nun von ihren Liebsten trennten.
„Sie können sich ihr Tier einfach nicht mehr leisten. Viele Leute schämen sich“, sagt Nelz. Deshalb setzten sie ihre Tiere aus. Die Dunkelziffer ist nach Einschätzungen des Sprechers sehr hoch. Der Verein wünscht sich, dass mehr Besitzer mit ihren Tieren direkt vorbeikommen. „Dann haben wir die Möglichkeit, mehr über das Tier zu erfahren und die Vermittlung in eine neue Familie wird erleichtert.“
Aus anderen Gründen herrenlos gewordene Tiere finden ebenfalls den Weg ins Frankfurter Tierheim. Wenn beispielsweise der Besitzer gestorben ist und keiner der Verwandten und Bekannten das Tier zu sich nehmen möchte oder im Falle eines Krankenhausaufenthaltes.
Meistens liege es aber an der Selbstüberschätzung der Tierhalter, sagt Nelz. Sie machten sich zu wenige Gedanken darüber, was es bedeute, ein Tier zu halten. „Und wenn das Tier dann nicht so will wie der Besitzer, wird es im Tierheim abgegeben oder einfach ausgesetzt.“
Vereinzelt kommt es vor, dass ein Besitzer sich sein Tier wieder abholt, beispielsweise nach einem längeren Krankenhausaufenthalt. Dafür muss er aber bezahlen. Schließlich sei das Tierheim keine Pension, sagt Nelz.
Das Frankfurter Tierheim beherbergt 120 Hunde, ebenso viele Katzen und mehr als 70 Kleintiere. „Katzen können wir noch aufnehmen, Hunde höchstens noch zehn, und bei den Kleintieren haben wir unsere Grenze erreicht“, sagt der TSV-Sprecher. Vor allem werden Hunde gebracht. Viele der Bewohner in deutschen Tierheimen sind krank oder alt. Sie brauchen eine medizinische Behandlung und sind oftmals schwer zu vermitteln.
Um den Anforderungen zu entsprechen, bräuchte auch das Frankfurter Tierheim mehr Pflegepersonal, wie Nelz sagt. „Schließlich will man seinen Standard halten und die Tiere gut versorgen.“
Damit die Kosten nicht ins Unermessliche steigen, hat der Verein, der fast ausschließlich mit Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert wird, seine eigene Tierpraxis eingerichtet und zwei Tierärzte angestellt. So können 90 Prozent der kranken Tiere vor Ort behandelt werden. „Damit können wir den Tieren vor allem die stressigen Transportwege ersparen“, sagt Nelz.
http://www.tierschutzbund.de/ (AP)
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