Medizin – Erfolgreiche Therapien bei Harninkontinenz – Grit König
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Die Scham bei Harninkontinenz überwinden Erfolgreiche Therapien bei Harninkontinenz

Grit König

18.04.2009

Frankfurt/Main – Eckhard Petersmann hat geschafft, was seine Ärzte nicht für möglich hielten: Der Unternehmer aus Hagen ist nach seiner Blasen-Operation vor sechs Jahren tagsüber wieder kontinent. Geschafft hat der 65-Jährige das mit strengem Beckenbodentraining. Die erste Zeit nach der Operation trainierte er drei Mal am Tag. „Heute reicht es, wenn ich alle zwei Wochen Sport treibe“, sagt er stolz. Um den vielen Leidensgenossen die Scheu vor der Offenbarung zu nehmen, hat Petersmann den bundesweiten Selbsthilfeverein Inkontinenz gegründet.

Rund fünf Millionen Bundesbürger sind nach Angaben des Berufsverbandes Deutscher Urologen von Blasenschwäche betroffen. Das Robert-Koch-Institut spricht von einer Prävalenzrate von fünf bis über 50 Prozent. Genauere Angaben gibt es nicht, weil die Krankheit für die meisten Betroffenen ein Tabuthema ist. Nur ein Bruchteil von ihnen lässt sich professionell helfen. Die Angaben schwanken zwischen 15 und 40 Prozent. Viele halten Inkontinenz für ein zu geringfügiges Problem, um sich deswegen in medizinische Behandlung zu begeben. Mehrere Studien ergaben, dass auch unter Medizinern eine Heilbehandlung häufig weder für möglich noch für erforderlich gehalten wird.

Dagegen hält die Leiterin des Kontinenzzentrums Südwest in Villingen-Schwenningen, Daniela Schultz-Lampel, Blasenschwäche für eine anerkannte Krankheit, gegen die viel getan werden kann: „Bei richtiger Indikation können mehr als 90 Prozent der Betroffenen geheilt oder die Beschwerden wesentlich gelindert werden.“

Die Diagnostik ist wichtig, da Harninkontinenz viele verschiedene Ursachen haben kann, die unterschiedlich behandelt werden müssen. Die Harnausscheidung funktioniert im geordneten Zusammenspiel von Gehirn, Rückenmark und Nerven mit den Muskeln des Beckenbodens und der Harnblase. Wird beispielsweise die sogenannte Dranginkontinenz operiert, kann sich die Blasenschwäche noch verschlimmern.

OP-Erfolgsrate bei 98 Prozent

Die Hälfte der betroffenen Frauen hat eine Belastungsinkontinenz: Sie verlieren Urin beim Husten, Niesen und körperlichen Anstrengungen. Schuld ist die Schwäche des Schließmuskels und des Beckenbodens. Leichtere Formen können deshalb konservativ mit Beckenbodentraining, Biofeedback-Training oder Elektrotherapie behandelt werden. Zudem gibt es seit einem halben Jahr ein Medikament. Die Erfolgsrate dieser Therapie liegt zwischen 30 und 60 Prozent, sagt Schultz-Lampel.

Allerdings ist ein mindestens dreimonatiges intensives Training erforderlich, bevor Erfolge zu spüren sind. In therapieresistenten Fällen kann eine Operation angeraten sein. Die Erfolgsrate liegt bei bis zu 98 Prozent. Allerdings sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts nach fünf Jahren fast ein Drittel der zunächst erfolgreich operierten Patientinnen erneut inkontinent. Die Experten fordern daher begleitende Maßnahmen nach der Operation.

Bei der Dranginkontinenz drehe sich das Leben nur noch um die Toilette, erklärt Schultz-Lampel. Ständiger nicht zu unterdrückender Harndrang und unwillkürlicher Harnverlust sind die Symptome. 15 bis 20 Prozent der Menschen in den Industrieländern sind betroffen, vor allem Ältere. Grund ist eine fehlerhafte Übertragung der Nervenimpulse aus dem Gehirn oder Rückenmark, die die Blasenentleerung steuern.

Spiegelung nur bei komplizierter Inkontinenz erforderlich

In zwei Drittel der Fälle besserten verschiedene dämpfende Medikamente die Überaktivität der Blase, sagt Schultz-Lampel. Allerdings klagen viele über Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Sehstörungen. Als hilfreich hat sich ein verhaltenstherapeutisches Training mit Hilfe eines Blasentagebuches erwiesen. Die Methode zielt darauf, die Zahl der Toilettengänge auf ein normales Maß zu reduzieren und die Trinkmenge dem Bedarf anzupassen.

Kein Betroffener braucht nach Angaben der Professorin Angst vor einer unangenehmen, invasiven Diagnostik seines Leidens zu haben: „In 80 Prozent der Fälle reicht die Basisdiagnostik mit Gespräch, Untersuchung des Körpers und des Urins sowie gegebenenfalls mit einem Ultraschall der Blase“. Eine genauere Diagnostik mit Blasendruckmessung oder Blasenspiegelung ist nur bei einer komplizierten Inkontinenz erforderlich.

Dazu gehören vermehrter und schmerzhafter Harndrang oder gestörte Entleerung. In seltenen Fällen ist die Harninkontinenz das Zeichen einer schweren, verdeckten Krankheit, sagt Professor Schultz-Lampel. Unter den 4.000 Patienten, die im Jahr in ihrem Kontinenzzentrum behandelt werden, werden im Schnitt drei bis vier Patienten mit Blasekrebs oder Prostatakrebs herausgefischt. Allerdings sollten sich junge Frauen mit Dranginkontinenz dringend untersuchen lassen. Denn dies kann auch das erste Zeichen für Multiple Sklerose sein.

http://www.dgu.de

http://www.Inkontinenz-Selbsthilfe.com (AP)

 

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