Aktuelle Nachrichten – Europa
01.02.2012
Foto: Mario Fedder/dapd Photoe
Brüssel/Frankfurt – Die Brüsseler Kartellwächter haben der geplanten Fusion der Deutschen Börse mit der NYSE Euronext zum größten Handelsplatz der Welt einen Riegel vorgeschoben. Durch die Elefantenhochzeit der beiden führenden transatlantischen Börsen wäre ein Monopol auf dem europäischen Terminmarkt entstanden, begründete die EU-Kommission am Mittwoch das Verbot. Das deutsche DAX-Unternehmen sprach von einem "schwarzen Tag für Europa".
Das Aus für die Pläne war erwartet worden, weil Deutsche Börse und NYSE Euronext die Auflagen von EU-Kommissar Joaquín Almunia nicht erfüllen wollten. Nach Bekanntgabe der Entscheidung legte der Aktienkurs der Deutsche Börse zeitweise um über ein Prozent zu. Der Stopp ist endgültig. Das Umtauschangebot an die Aktionäre des Konzerns werde zurückgezogen, teilte die Deutsche Börse mit.
"Die Entscheidung der EU-Kommission ist höchst bedauerlich und kaum nachvollziehbar", kritisierte der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Börse, Manfred Gentz. Almunia trage dem wachsenden Konkurrenzdruck im internationalen Börsenmarkt keine Rechnung. "Für Europa wird damit die große Chance vertan, eine global wettbewerbsfähige Börse mit Sitz in Europa und Deutschland sowie einem starken US-amerikanischen Partner zu schaffen." In Brüssel hatte aber allein EU-Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier für die Fusion geworben, ohne Erfolg.
Der Vorstandschef der Deutschen Börse, in Frankfurt, Reto Francioni, hält das Nein der EU-Kommission für eine verpasste Chance. "Mit der Untersagung des Fusionsvorhabens wird die Schaffung einer in EU-Ländern beheimateten und global führenden Börsengruppe verhindert", sagte er in Frankfurt am Main. "Dies ist auch eine verpasste Chance für den Finanzplatz Frankfurt", fügte er hinzu. "Frankfurt auf Augenhöhe mit dem Finanzplatz New York, als eine von zwei Hauptverwaltungen der größten Börsenorganisation der Welt – so hätte die künftige Bedeutung von Frankfurt in der Welt aussehen sollen", sagte er.
Nicht die erste Schlappe für Francioni
Für Francioni und die Deutsche Börse in Frankfurt ist es nicht die erste Schlappe beim Versuch, durch die Übernahme eines Konkurrenten zu wachsen. In den vergangenen Jahren hatte sich der gebürtige Schweizer gleich zweimal dabei verhoben, die prestigeträchtige London Stock Exchange zu kaufen. Außerdem ging die Übernahme der europäischen Vierländerbörse Euronext schief, die mittlerweile zum Wall-Street-Betreiber NYSE gehört.
Ohnehin platzten jüngst mehrere Übernahmeversuche von Börsenbetreibern: Die Börse in Toronto wurde 2011 nicht an die Londoner-Börse verkauft, auch die versuchte Übernahme des Handelsplatzes Sydney durch die Börse Singapur scheiterte an nationalen Interessen.
Gentz versicherte, dass die Deutsche Börse, Frankfurt durch die geplatzte Fusion nicht in Schwierigkeiten komme. Die Deutsche Börse werde "ihr bewährtes Geschäftsmodell weiterführen und ausbauen. wird weiter profitabel wachsen und ihre Strategie anpassen und weiterentwickeln". Für 2011 werde ein von der Deutschen Börse "sehr solides Ergebnis" vorgelegt werden, zu grundlegenden Änderungen von Strategie und Struktur besteht laut Gentz "kein Anlass".
Almunia erklärte, durch die transatlantische Börsenhochzeit hätte das neue Unternehmen 90 Prozent des weltweiten Handels mit börsengebundenen europäischen Finanzderivaten kontrolliert. Diese "monopolartige Stellung" hätte der europäischen Wirtschaft insgesamt "erheblichen Schaden zugefügt". Die angebotenen Abhilfemaßnahmen der Fusionspartner "haben bei weitem nicht ausgereicht, um die Bedenken auszuräumen", sagte der EU-Kommissar.
Die von der Deutschen Börse, Frankfurt betriebene Eurex und die von NYSE Euronext betriebene Liffe sind die beiden größten Börsen für Termingeschäfte und teilen sich den Markt derzeit weitgehend auf. Entfalle der "wirksame Wettbewerbsdruck", wäre das zum Nachteil von Kunden und Konkurrenten, hieß es bei der EU. Das Angebot, sich von den Derivategeschäften von Liffe zu trennen, akzeptierte die EU nicht. Denn der Geschäftszweig wäre alleine "nicht überlebensfähig" gewesen.
(dapd)
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