Aktuelle Nachrichten – Europa
26.04.2009
Sofia – Nach dem lähmenden russisch-ukrainischen Gasstreit im Winter soll Europas Energieversorgung verlässlicher werden. Die Teilnehmer einer hochrangig besetzten Konferenz in Bulgarien forderten am Samstag zum Abschluss eines zweitägigen Treffens, bei der Entwicklung der Versorgungsinfrastruktur mehr aufs Tempo zu drücken. Das soll für den Bau von Pipelines, Terminals für verflüssigtes Gas und den Aufbau strategischer Reserven gelten. Geprägt wurde das Treffen von der Rivalität zwischen den beiden Pipeline-Projekten Nabucco und South Stream.
Die geplante Nabucco-Pipeline soll Gas unabhängig von Moskauer Kontrolle vom Kaspischen Meer über die Türkei nach Europa bringen. Sie wird von der Europäischen Union und den USA als eine Möglichkeit unterstützt, die Abhängigkeit Europas von den russischen Lieferungen zu verringern. Das von Russland geförderte Zehn-Milliarden-Euro-Projekt South Stream ist gegen Nabucco gerichtet. Diese Leitung soll Westeuropa über die Türkei und den Balkan mit russischem Gas versorgen.
Der Geschäftsführer des Nabucco-Konsortiums, Reinhard Mitschek, betonte bei der Konferenz in Sofia, der Energiebedarf Europas sei auf lange Sicht groß genug, auch mehrere Projekte zu rechtfertigen. South Stream sei kein Rivale für Nabucco. Jeremy Ellis vom deutschen Energiekonzern RWE, der an Nabucco beteiligt ist, nannte das Projekt „Europas Option für eine Gasversorgung durch den Südkorridor“. Er forderte schnelles Handeln, damit Nabucco von der Planungs- in die Bauphase kommen könne.
Das Hauptproblem des bereits vor sieben Jahren gestarteten Projekts ist die ungesicherte Versorgung mit Gas, zum Beispiel aus Turkmenistan und Aserbaidschan. Russland und China haben die Verzögerungen genutzt, um im Gasgeschäft mit Zentralasien einen Fuß in die Tür zu bekommen. Und selbst wenn es den EU-Staaten gelingen sollte, eine Route zu sichern und die Pipelines mit Gas füllen zu können, würde Nabucco bis 2020 nur rund sechs bis acht Prozent des tatsächlichen Gasbedarfs transportieren können. Aufgrund dieser Unwägbarkeiten scheint von den beiden Rivalen South Stream die Nase vorn zu haben.
Der russische Energieminister Sergej Schmatko machte sich auf der Konferenz in Sofia für South Stream stark. Dieses Projekt werde den Gaskunden in Europa günstigere Preise bieten als Nabucco, sagte er. Schmatko vertrat Ministerpräsident Wladimir Putin, der seine Teilnahme überraschend abgesagt hatte. Hintergrund ist offenbar ein Streit mit Gastgeber Bulgarien über South Stream.
Als dritte Versorgungsroute laufen zudem noch Planungen für eine Ostseepipeline, die russisches Gas auf dem Meeresgrund nach Deutschland leiten soll. Dieses Vorhaben wird von Polen und anderen Ländern Osteuropas abgelehnt.
An dem Treffen in Sofia nahmen Staats- und Regierungschefs sowie Regierungsmitglieder und Vertreter aus 28 Gas exportierenden und importierenden Ländern teil. Auch die EU und die USA waren vertreten. (AP)