Aktuelle Nachrichten – Europa
04.02.2010
Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images
Die Abstimmungsentscheidung der Schweiz, den Bau von Minaretten zu verbieten, stellt einen bösen Riss für die Einheit Europas dar. Sie hat Empörung unter Moslems und Beifall von Europas immer populäreren antimoslemischen Politikern provoziert. Der Graben zwischen moslemischen und nicht-moslemischen Europäern scheint vertieft. Jedoch – obwohl voraussagbar – sind die Reaktionen irreführend: Bei dieser ganzen Modeerscheinung der Minarette sind europäische Moslems heute weniger auf religiöse Symbole aus. Sie sind mehr auf die Sicherung der Anerkennung als richtige europäische Bürger aus.
Der Tumult über die Minarette kommt auch als eine neuerliche Gedächtnisstütze dafür, dass Wohlstand, Stabilität, Sicherheit und sozialer Frieden von der erfolgreichen Integration von Europas moslemischen Bürgern abhängen. Dennoch können europäische Politiker an einigen Orten Stimmen gewinnen, wenn sie gegen den Islam wettern.
Die alles umfassende Herausforderung für die europäischen Regierungen liegt darin, den Fokus von Verboten und Beschränkungen des Islams und der Moslems weg zu bringen und zu versuchen, eine zusammenhängende und alles umfassende Gesellschaft zu schmieden, in der sich alle Bürger – einschließlich der Moslems des Kontinents – zu Hause fühlen. Dazu gehörende Methoden, Anpassung und Akzeptanz aufzubauen, bleiben auf der Tagesordnung der meisten Regierungen der Europäischen Union viel zu weit unten. Europäische Führer haben es lange vorgezogen, Moslems als „Ausländer“ und „Einwanderer“, aber nicht als Bürger zu bezeichnen, die gleichzeitig Moslems und Europäer sein können.
Andererseits haben europäische Moslems lange außerhalb der Hauptströmung der europäischen Gesellschaften gelebt, besondere Privilegien und Behandlung gefordert, anstatt sich auf solche Angelegenheiten wie Jobs und Ausbildung zu konzentrieren, die sie mit der größeren Gesellschaft gemeinsam haben.
Die meisten von Europas 20 Millionen Moslems kamen in den 1960er und 1970er Jahren aus dem Süden Asiens, der Türkei und dem Norden Afrikas, um in den Stahl- und Textilfabriken und den Kohlebergwerken zu arbeiten, und als Europa immer wohlhabender wurde, auch im expandierenden Dienstleistungssektor.
So groß die Suche nach Einwanderern auch war, es wurde von ihnen erwartet, nach Hause zu gehen, sobald ihre Verträge abliefen. Viele Länder wie Deutschland taten wenig, um ihre so genannten „Gastarbeiter“ zu integrieren, und schlossen sie von jedem Recht aus, die volle Staatsbürgerschaft und Nationalität zu erwerben. Weil sich Europas Wirtschaftswachstum verlangsamte, wurde die formelle Einwanderung beendet, obwohl die meisten Länder die Wiedervereinigung von Familien genehmigten.
Integration in die Hauptströmung
In der Theorie erkennen die meisten europäischen Politiker heute die Bedeutung der Durchführung erfolgreicher Pro-Integrations-, Antirassismus- und Antidiskriminierungs-Kampagnen an. In der Praxis jedoch ist die Politik der EU gegenüber den europäischen Moslems von der Sorge um Sicherheit und die Organisation von Anti-Terror-Maßnahmen geprägt.
EU-Initiativen gegen die Diskriminierung verlieren sich im Labyrinth von Maßnahmen, die von Staaten im Kontinent erzwungen werden, um die Radikalisierung hauptsächlich junger Männer mit moslemischer Abstammung zu bekämpfen. In Großbritannien zum Beispiel sind es die Sorgen und Aktionen der Polizei gegen den gewalttätigen Extremismus unter den Südasiaten, die die Anstrengungen vergiften, eine bessere Integration von Moslems zu erreichen.
Außerdem, obwohl Europäer immer weltlicher eingestellt sind, ist es schwierig, über das tiefe, historische Vorurteil vieler Europäer gegenüber dem Islam hinweg zu sehen, bei dem Moslems als „der Andere“ angesehen werden, und das wie ein Widerhall des einstigen krassen Vorurteils gegen jüdische Gemeinschaften daher kommt. Viele halten sich noch an einem überholten Begriff Europas fest als ein Kontinent, der im Christentum verankert sein soll, mit Moslems als ewigen Außenseitern und dem Islam und Europa als im Wesentlichen unvereinbar.
Die scharfe Debatte über die Zulassung der Türkei zur Union scheint jetzt den zerstörerischen Kollisionskurs zwischen dem Islam und Europa zu beschleunigen. Die Antiminarett-Bewegung der Schweiz kommt zeitgleich mit den intensiven Anstrengungen in Frankreich, die Burka zu verbieten, dem von einer äußerst kleinen Minderheit von moslemischen Frauen getragenen Ganzkörper-Schleier.
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy – der wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gegen den Eintritt der Türkei in die EU ist – hat eine nationale Diskussion darüber begonnen, was es bedeutet, Franzose zu sein, eine Bewegung, die nach Meinung vieler noch mehr Mauern zwischen französischen Moslems und ihren anderen Mitbürgern baut.
In den Niederlanden werben extrem rechts stehende Politiker wie der Holländer Geert Wilders um Wähler, indem sie den Islam als eine faschistische Ideologie verurteilen. Wahlen zum Europäischen Parlament in diesem Sommer führten zur Wahl von zwei Mitgliedern der fremdenfeindlichen britischen Nationalen Partei.
Andere Politiker, die routinemäßig den Islam mit dem globalen Terrorismus verbinden, warnen, dass Moslems und Einwanderer den europäischen Einwohnern Jobs stehlen und von den sozialen Fürsorge-Systemen des Kontinents schnorren. Rassismus ist auch ein Faktor, da viele Europäer Moslems automatisch mit farbigen Einwanderern gleich setzen.
Forderungen einiger Moslems für spezielle Privilegien wie Trennung der Geschlechter in öffentlichen Schwimmbädern und Krankenhäusern, die Praxis von Stammesbräuchen, einschließlich der Polygamie, genitale Körperverletzung, Zwangsehen und Ehrenmorde waren Anlass zu dem Urteil, dass Moslems europäische Werte nicht teilen. Eine Minderheit von jungen Moslems fällt tatsächlich radikalen Ideologien zum Opfer.
Europas mannigfaltige muslimische Gemeinschaften und ihre Führer schenken dem Einfordern von Rechten häufig zu viel Aufmerksamkeit und zu wenig der Erfüllung ihrer Verpflichtungen als europäische Bürger.
Solche eine Einstellung fördert die Ansicht, die von einigen US-amerikanischen Analytikern und Europas extrem rechten Politikern propagiert werden: dass europäische Moslems entschlossen seien, den einst toleranten Kontinent in ein Land mit Namen Eurabia zu verwandeln, wo die Sharia herrschen wird, Ehebrecher gesteinigt und Dieben die Hände abgehackt werden. Nach dieser Vision sei Europa langsam, aber sicher einer Metamorphose hin zu einem ultimativen Schlachtfeld der Zivilisationen unterworfen.
An Europa teilhaben
Die Wirklichkeit ist komplizierter. Während die radikalen Aktionen einiger Moslems Schlagzeilen machen und Futter für Europas extreme Rechte zur Verfügung stellen, haben europäische Moslems bloße drei Prozent der Bevölkerung des Kontinents. Das ist kaum eine Anzahl, die eine moslemische Übernahme Europas garantieren könnte.
Es stimmt, eine Minderheit von Moslems mag an den radikalen Randzonen der Gesellschaft leben, aber eine große Mehrheit akzeptiert europäische Normen und lebt ein erfolgreiches und integratives Leben. Sie widerlegen das Stereotyp vom europäischen Moslem, besessen von seiner Religion, sozial und wirtschaftlich marginalisiert, unfähig und nicht gewillt, sich in die Hauptströmung der Gesellschaft zu integrieren.
Neue Studien zu Moslems in Europa durch Organisationen wie das Open Society Institute (OSI) malen ein Bild von Gemeinschaften von europäischen Moslems, die behaglich und in Frieden mit ihren nicht-moslemischen Nachbarn leben. Das OSI und der britische Rat arbeiten an Projekten, die sich auf ein Leben konzentrieren, das sich durch ein „an Europa teilhaben“ auszeichnet, wo Konflikt und Konfrontation zwischen verschiedenen religiösen Gemeinschaften nicht unvermeidlich sind, vorausgesetzt, dass Regierungen - auf nationaler, Länder- und lokaler Ebene – die richtige Politik implementieren. Im ganzen Kontinent werden Anstrengungen unternommen, die Schullehrpläne zu ändern, damit sie Europas multikultureller Landschaft besser entsprechen.
Eine kürzlich erhobene Meinungsumfrage richtete sich an das Unbehagen Europas beim Annehmen einer multiplen Identität. Sie zeigt, dass eine überwältigende Mehrheit von Moslems in Frankreich und Deutschland sagte, dass sie gegenüber ihrem Land loyal waren und keinen Widerspruch darin sahen, französisch/deutsch und Moslem zu sein. 2007 fand in Großbritannien eine Umfrage heraus, dass trotz der starken Identifizierung von Moslems mit ihrer Religion eine Mehrheit Terroristenangriffe auf Bürger verurteilte und nicht in abgetrennten Gemeinschaften leben wollte.
Außerdem erkennen jetzt die meisten europäischen Regierungen die Herausforderung. Im ganzen Kontinent werden Anstrengungen unternommen, die Schullehrpläne zu ändern, damit sie Europas multi-kulturelle Landschaft besser entsprechen, während staatliche Behörden die Einberufung von ethnischen Minderheiten in Polizei, Gesundheitswesen und die Regierung fördern und die Suche nach Arbeitern in Europas Einwandergemeinschaften steigern.
Solche Anstrengungen müssen unterstützt werden. Es ist die Pflicht der europäischen Führung und der Politiker, den Diskurs der extremen Rechten von Hass und Wut zu marginalisieren. Aber europäische Moslems müssen auch ebenso entschlossen daran arbeiten, extremistischen und radikalen Ideologien in ihrer Mitte zu begegnen. Wenn Europa gedeihen und wachsen soll, müssen europäische Politiker dringendst und öffentlich anerkennen, dass Europa jetzt eine multikulturelle Gesellschaft ist, deren Mitglieder willens sind, Vielfältigkeit nicht zu fürchten sondern zu zelebrieren.
Shada Islam ist leitende Angestellte am European Policy Center. Mit der Erlaubnis von YaleGlobal Online. Copyright © 2009, Yale Center for the Study of Globalization, Yale University.
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