Aktuelle Nachrichten – Menschen
08.11.2012
Foto: dapd/Maja Hitij
Berlin – Der Einsatz von Tablet-Computern kann nach Experteneinschätzung die Lernentwicklung bei kleinen Kindern verlangsamen. "Frühe Lernprozesse funktionieren immer über Emotionalität, zu einem Bilderbuch etwa kann ein Kind viel schneller eine persönliche Beziehung aufbauen als zu einem Tablet-Computer", sagte der Hirnforscher Gerald Hüther der Nachrichtenagentur dapd. Tablet-PC sind Rechner, die über das Berühren der Bildschirmfläche gesteuert werden.
Das Bilderbuch stehe für eine einzelne geschlossene Geschichte, die von einer Person vorgelesen werde, zu der das Kind eine enge Bindung habe, führte der Neurobiologe aus. "Dadurch lädt sich auch der Gegenstand emotional auf und ein Lernprozess wird beschleunigt", ergänzte er. "Der Tablet-Computer dagegen ist ein Gerät, auf dem man alles Mögliche abrufen kann, in dem neben einem Bilderbuch noch 25 weitere gespeichert sind - das kann für das Kind verwirrend sein, weil das Gerät nicht für eine Geschichte steht." Dadurch sei es schwieriger, eine emotionale Bindung aufzubauen.
Das Blättern im Bilderbuch ist komplexer
Lernhemmend könne sich auch auswirken, dass der Tablet-Computer allein durch das Berühren des Bildschirms gesteuert wird. In einem Bilderbuch dagegen könne ein Kind Seiten umblättern. "Das Blättern ist eine kompliziertere Tätigkeit und hilft dem Kind, seine Bewegungen besser zu koordinieren, es erfasst komplexere Bewegungsmuster", ergänzte Hüther.
Ein Kleinkind von den digitalen Medien möglichst lange fernzuhalten, hält der Hirnforscher allerdings für falsch. "Sie sind in erster Linie Werkzeuge, es wäre absurd, Kindern das vorzuenthalten." Gefährlich sei es aber, wenn sie das Gerät dafür benutzten, ihre Gefühle zu regulieren, warnte der Neurobiologe. "Da hat man Frust oder Langeweile und weiß nicht, wie man mit dem Gefühl umgehen soll - dann wird zu dem Medium gegriffen, um dieses Gefühle loszuwerden." Wenn ein Tablet-Computer dazu eingesetzt würde, lerne das Kind nicht selbst, wie man diese negativen Gefühle eigenständig regulieren kann. Und das könnte im schlimmsten Fall dazu führen, dass es von dem Medium abhängig wird, sagte Hüther.
Er ist Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und Autor zahlreicher Bücher, unter anderem schrieb er über die Hochbegabung von Kindern.
dapd
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