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27.06.2011
Foto: AP Photo/Juneau Empire, Andrew Krueger
Washington – Gut ein Jahr nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sind Experten besorgt über Bestrebungen, auch in den eisigen Gewässern im Norden Alaskas verstärkt nach Öl zu bohren. Sollte sich dort ein ähnliches Unglück ereignen, wären die Folgen noch ungleich schwerer in den Griff zu bekommen: Es gibt in der Region kaum Straßen, Stürme und Nebel können Flugzeuge am Boden halten, es gibt keine Tiefseehäfen, und die nächste Station der Küstenwache ist etwa 1.600 Kilometer entfernt. Die Verantwortung, auf ein Ölleck zu reagieren, läge in noch viel stärkerem Maß als im Golf bei dem betroffenen Unternehmen.
Wie jeder normale Camper in der schwer zugänglichen Region müsste ein Ölkonzern, der vor Alaska bohren will, alles Gerät erst einmal in das abgelegene Gebiet bringen. Und die Bundesbehörden wären fern vom Geschehen. Anders als im Golf, wo Zehntausende Ölquellen und deren Abflüsse die Gewässer seit Jahrzehnten verschmutzen, beträfe ein Leck eine unberührte und sensible Landschaft, die weniger gut erforscht ist und wo Bohrungen in öffentlichen Gewässern bislang beschränkt sind. Dies macht es schwer einzuschätzen, welche Auswirkungen ein Unfall auf bedrohte Eisbären und Wale hätte.
Das Unglück vor der US-Südküste im April 2010 warf ein Schlaglicht auf die Mängel bei der Reaktion auf derartige Unfälle. Experten haben die Frage aufgeworfen, ob Ölfirmen und die Regierung angemessen darauf vorbereitet sind, die Herausforderungen im Fall eines ähnlichen Unglücks in der Arktis zu bewältigen. "Wir sollten mit der Arktis extrem vorsichtig sein, weil wir wissen, dass Einsatzkräfte und die Küstenwache nicht gut dorthin gelangen können", sagte Cherry Murray, Mitglied der von US-Präsident Barack Obama eingesetzten Untersuchungskommission zur Ölkatastrophe, Mitte April vor einem Ausschuss zur Sicherheit von Meeresenergie. "Und die Säuberung wird bedeutend schwieriger."
Trotz der Lehren, die aus dem Unglück vor der US-Südküste gezogen wurden: Viele der dort eingesetzten Techniken wie das Absaugen oder das Verbrennen des Öls und das Versprühen von Chemikalien, die das Öl zersetzen sollten, würden in der kalten und stürmischen See vor Alaska kaum oder gar nicht wirken. Ölsperren können einfrieren. Eis kann Absaugvorrichtungen verstopfen, und, je nach Jahreszeit, kann sogar fehlendes Tageslicht ein Faktor sein. "Das Problem ist, auf welche Größenordnung von Problem man sich einstellt, und ich glaube, das wissen wir nicht", sagt Thad Allen, seinerzeit Regierungsbeauftragter für die Bewältigung des Unglücks.
In einem Interview der Nachrichtenagentur AP listet Allen die möglichen Probleme auf: In der größten Stadt, die auch nur annähernd in der Nähe des Ölfelds liegt, Barrow, gibt es nur wenige Motelzimmer. Einen Hangar für Flugzeuge, unabdingbar bei derartigen Wetterverhältnissen, gibt es nicht, ebenso wenig einen Hafen. "Auf dem Höhepunkt des Macondo-Lecks (im Golf) hatten wir mehr als 45.000 Leute und Abertausende Boote und Schiffe im Einsatz. Je nach Art des Problems, das man dort vielleicht hätte, wären der Mangel an Infrastruktur, der Mangel an Operationsstützpunkten, die Kargheit der Umwelt plus die Entfernung zum Hafen problematisch."
Doch die Obama-Regierung steht unter verstärktem Druck, als Mittel gegen hohe Benzinpreise die einheimische Ölproduktion zu steigern. Im März gab der Präsident das Ziel aus, Ölimporte bis 2025 um ein Drittel zu verringern. Um dies zu erreichen, ist er auf Öl und Gas aus Alaska angewiesen. Dort lagern schätzungsweise 27 Milliarden Barrel unter dem Meeresgrund, 2,5 Mal mehr als die Menge, die seit 1990 im gesamten Golf von Mexiko gefördert wurde. Doch die hohen Kosten von Ölbohrungen in der Arktis, Verzögerungen im Genehmigungsprozess und Klagen haben dazu geführt, dass in Bundesgewässern vor Alaska bislang weniger als 100 Ölquellen ausgebeutet werden. Nur etwa drei Dutzend davon befinden sich in der Beaufort- und der Tschuktschensee vor der nördlichen und der Nordwestküste des US-Staats.
Im Dezember sagte Innenminister Ken Salazar den Verkauf neuer Öl- und Gasförderverträge in der Arktis ab. Und ein Bundesgericht ordnete kürzlich eine Überprüfung möglicher Risiken bei einen größeren Unfall in einem Gebiet in der Tschuktschensee an, für das 2008 ein Vertrag vergeben wurde. Zwar will das Ministerium bestehende Verträge einhalten. Verzögerungen beim Genehmigungsprozess haben jedoch Shell als einziges Unternehmen, das neue Forschungsbohrungen vor Alaska plant, veranlasst, die Pläne auf 2012 zu verschieben.
Shell sagt, der Konzern sei auch auf einen größtmöglichen Unfall vorbereitet. Entsprechende Geräte würden vor der Küste nahe der Bohrinsel gelagert und wären innerhalb einer Stunde einsatzbereit. Auch Ersatzventile zum Abdichten eines Lecks lägen dort bereit, sagt der zuständige Shell-Manager Peter Velez. Und ein neues Auffangsystem, das beim Unfall im Golf erst konstruiert und gebaut werden musste, könne in Tagen oder Wochen am Unglücksort eintreffen. "Wir werden genügend Ausrüstung an jedem der Orte haben, um den größtmöglichen Austritt bewältigen und in den meisten Fällen übertreffen zu können", sagt Velez.
2010 war eine Ölquelle in 1,6 Kilometern Wassertiefe und rund 5,5 Kilometern unterhalb des Meeresbodens leckgeschlagen, bis zu neun Millionen Liter Öl strömten täglich in den Golf. Ein Leck dieser Größenordnung ist Experten zufolge in der Arktis weniger wahrscheinlich. Dort sind die Gewässer flach, Öl und Gas lagern in nicht so großer Tiefe, und der Druck ist drei bis vier Mal geringer. Eis kann auch als natürliche Barriere fungieren. Und das kalte Wasser verlangsamt den Ölabbau, wodurch mehr Zeit bestünde, Chemikalien einzusetzen, das Öl zu verbrennen oder andere Säuberungsmaßnahmen zu ergreifen. Allerdings wären Wildtiere potenziell mehr Giftstoffen ausgesetzt.
Forschungsbohrungen, darauf weist Shell hin, wären auf die eisfreie Zeit von Juli bis Oktober beschränkt. Dadurch wäre der Zeitpunkt eines Unglücks entscheidend. Geschähe es gegen Ende der Saison, würde Eis die Säuberungsmaßnahmen komplizieren. (dapd)
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