Nairobi – Die Piraterie vor Somalia wirft ein Schlaglicht auf die Gesetzlosigkeit in dem afrikanischen Land – aber auch auf die Schwäche und Anfälligkeit der riesigen Region am Horn von Afrika. „Das Besorgniserregende ist, dass ein ursprünglich auf Somalia beschränktes Problem übergegriffen hat“, sagt Pottengal Mukundan von der Internationalen Schifffahrtsbehörde (IMB) in London.
Somalia, das seit vielen Jahren keine funktionierende Regierung mehr hat, könne nichts unternehmen, beklagt der Direktor des Londoner IMB-Büros. „Und den Nachbarländern fehlen die Ressourcen.“ Weil die Piraten Schiffe immer weiter von der somalischen Küste entfernt angriffen, würden Piratenüberfälle zu einem globalen Problem.
Weite Teile des Horns von Afrika, zu dem neben Somalia noch Äthiopien, Eritrea, Dschibuti, Kenia und auch der Sudan zählen, kämpfen mit einer Reihe von Schwierigkeiten, die zum Nährboden für Gewalt und Chaos werden können. Unzufriedenheit aufgrund von Hunger und Mangel sowie Korruption und durchlässige Grenzen machen die Region nicht nur für Piraten, sondern auch für Waffenschmuggler und Extremisten empfänglich.
„Die Lage am Horn ist die explosivste des Kontinents“, sagt François Grignon, Leiter des Afrikaprogramms der unabhängigen Konfliktforschungsorganisation International Crisis Group (ICG) in Brüssel. Rund 165 Millionen Menschen leben in den sechs Ländern der Region, die manche Fachleute als mögliche nächste Front im Kampf gegen den Terror betrachten.
Bereits 1998 wurden die US-Botschaften in Kenia und dem südlich angrenzenden Tansania Ziele von fast zeitgleichen Terroranschlägen. Mehr als 250 Menschen wurden getötet, fast 5.500 verletzt. Vier Jahre später richteten Terroristen bei einem koordinierten Doppelanschlag in Kenia ein Blutbad unter israelischen Urlaubern an. 16 Menschen kamen bei einem Angriff auf das Hotel Paradise in Kikambala nahe Mombasa ums Leben, darunter die drei Selbstmordattentäter, 80 weitere Menschen wurden verletzt. Zugleich wurde ein israelisches Flugzeug der Charterfluggesellschaft Arkia mit 262 Menschen an Bord nach dem Start in Mombasa mit Raketen beschossen, die ihr Ziel jedoch verfehlen.
Hinter den Terrorakten wurde Al Kaida vermutet. Die Anschläge sollen von Somalia ausgegangen sein, wo es seit 1992 keine effektive Regierung mehr gibt und islamische Fundamentalisten an Einfluss gewonnen haben. Die USA haben wiederholt Bedenken geäußert, dass Somalia ein Schlupfwinkel für Terroristen sein könnte, zumal der Al-Kaida-Chef Osama bin Laden seine Unterstützung für die dortigen Extremisten bekundet hat. Bin Laden lebte zeitweise selbst im Nachbarland Sudan.
Als die Schiffsüberfälle im vergangenen Jahr einen neuen Höhepunkt erreichten, bemühten sich die USA verstärkt, die Geldströme zu verfolgen, um herauszufinden, ob Extremisten oder gar Al Kaida ihre Gewalt durch Piraterie finanzieren. Direkte Beziehungen zwischen Terrorgruppen und den Piraten vor Somalia konnten die Ermittler bislang aber nicht nachweisen.
Allerdings wird angenommen, dass die Seeräuberei von einem internationalen Netzwerk unterstützt wird, das sich bis nach Nordamerika erstreckt und sich hauptsächlich aus ausgewanderten Somaliern zusammensetzt. Diese sollen nach Angaben von Analysten, Regierungsmitarbeitern und Insidern des Piratengeschäfts Geld, Ausrüstung und Informationen zur Verfügung stellen und dafür einen Teil des Lösegeldes erhalten. Mit Hilfe dieses Netzwerks sollen somalische Piraten im vergangenen Jahr umgerechnet mindestens 60 Millionen Euro erbeutet haben.
Beobachter warnen auch davor, dass die zunehmend dreisteren Überfälle auf Handelsschiffe die Preise auf dem Weltmarkt nach oben treiben könnten. Zudem passieren rund zehn Prozent der Erdöltransporte die Gefahrenzone vor Somalia und durch den Golf von Aden. (AP)