Frankfurt/Main – Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf 4,0 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit September 2001 angehoben. Es war die achte Anhebung seit Dezember 2005. Für die Verbraucher im Euroraum heißt das: Sparer können sich freuen, für Kreditnehmer wird es teurer. Von Wirtschaftsexperten bei Bankenverbänden ernteten die Währungshüter Lob für die Entscheidung, von gewerkschaftsnaher Seite gab es dagegen Kritik.
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagte am Nachmittag auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main, die Zentralbank werde weiterhin alle Entwicklungen genau beobachten, um mittelfristig die Preisstabilität sicher zu stellen. Die Inflationsrate in der Eurozone lag im Mai bei 1,9 Prozent und bewegt sich damit nahe der von der EZB als Preisstabilität definierten Marke von knapp unter 2 Prozent.
Einen höheren Leitzins als jetzt gab es im Euroraum zuletzt im September 2001. Nach den Terroranschlägen von New York zogen damals die großen Notenbanken der Welt an einem Strang und senkten die Zinsen. Auch die EZB war damals mit im Boot und entschied am 17. September 2001, den Leitzins von 4,25 Prozent um 50 Basispunkte auf 3,75 Prozent zu reduzieren.
Mit der Entscheidung zur jetzigen Zinserhöhung erntete die EZB Lob und Tadel von Ökonomen: So bezeichnete der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) die Anhebung als sachgerecht. Die Wirtschaft im Euroraum wachse stärker als erwartet, die Auslastung der Kapazitäten steige weiter und die Zunahme der Geldmenge sei unverändert hoch. Nach Ansicht des BVR ist der Zinserhöhungszyklus mit der aktuellen Entscheidung noch nicht beendet.
Auch der Deutsche Sparkassen- und Giroverband bezeichnete das Drehen an der Zinsschraube als richtig, die Entscheidung entspreche den Erwartungen der Märkte. Der Bundesverband deutscher Banken (BdB), der die privaten Geldinstitute vertritt, sieht jetzt ein neutrales Zinsniveau erreicht.
Der Geschäftsführende BdB-Vorstand Manfred Weber sagte: „Die Phase einer das Wirtschaftswachstum fördernden Zinspolitik ist jetzt abgeschlossen.“ Weber lobte, die EZB habe „die Normalisierung des Zinsniveaus mit großem Geschick bewältigt“. Der Bankenverband sieht allerdings für die Fortsetzung einer quasi automatischen weiteren Folge von Zinsanhebungen keinen Grund, da die Inflationsaussichten nach wie vor günstig seien.
Der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Gustav Horn, sagte der „Frankfurter Rundschau“ bereits vor der erwarteten Zinserhöhung, er halte diese für verfehlt. „Wir nähern uns Werten von drei Prozent Wachstum, und die müssen wir eigentlich mal einige Jahre genießen können, um unsere Beschäftigungsprobleme zu lösen. Ich halte es für absolut verfehlt, schon wieder frühzeitig die Bremsen zu ziehen.“
Für die Verbraucher im Euroraum hat die Entscheidung unterschiedliche Folgen. Grundsätzlich gilt: Bei kurzfristigen Anlagen und Krediten wird ein Dreh an der Zinsschraube schneller spürbar. Sparer können sich freuen, wenn die Zinsen klettern. Nach Einschätzung von Verbraucherschützern lässt die Geschwindigkeit, mit der Banken auch ihre Kunden in den Genuss der Erhöhung kommen lassen, in der Regel zu wünschen übrig. Am ehesten dürften noch Tagesgeldkonteninhaber vom Anziehen der Zinszügel profitieren. (AP)
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